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Seidh
und Schamanentum
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| Nachfolgender Aufsatz möchte Dir einen kleinen Einblick in mein Verständnis des "Seidh" - Begriffes vermitteln, wenn Du daran interessiert bist. Es soll damit niemand missioniert oder bevormundet werden und Du bist frei, unter Seidh natürlich das zu verstehen, was Du gern darunter verstehen magst. Wohl: ein bißchen sollte solches Verständnis schon bei den Tatsachen bleiben, wie ich finde. Von einem "Schamanen" würde ich zum Beispiel erwarten, dass er auch schamanisiert und damit etwas bewegt. Nur Tarotkarten zu legen und das als "Schamanismus" zu bezeichnen halte ich für etwas...daneben. Darüber hinaus bin ich im Übrigen kein großer Freund von Namen und Titeln, die all zu oft nur dazu dienen, Menschen in irgendwelche bequemen Schubladen zu stecken (oder andere außen vor zu lassen). Letztlich ist es ohnehin fast egal, wer wen als was zu bezeichnen gedenkt: Namen sind gut für Kommunikation - darüber hinaus sind sie wahrscheinlich bedeutungslos. Es ist mir von dem her inzwischen egal, ob mich Menschen nun als "Schamane", "Seidhmann", "Geisterkommunikator" oder was einem da noch so einfallen könnte bezeichnen, solange damit einigermaßen bei dem geblieben wird, was ich denke, sehe und lebe. |
Dass das Schamanentum und seine Techniken inzwischen auch im Westen wieder Verbreitung finden konnte ist in erster Linie zwei Anthropologen zu verdanken. Einer davon war Carlos Castaneda, dessen Erzählungen – auch wenn deren reale Hintergründe kritisch hinterfragt werden können – viele Menschen weltweit mit dieser Art des Denkens bekannt gemacht hat. Castaneda hat in seinen „Romanen“ auch eine Menge praktischer Anregungen versteckt. Den eigentlichen Schritt vom Wissen um das Phänomen zur handfesten und real erlebbaren Praxis hat jedoch Michael Harner initiiert. Er untersuchte mittels eigener praktischer Forschung und Studium entsprechender Literatur das schamanische Phänomen weltweit und erkannte dabei einige grundlegende Prinzipien, die in dieser Art immer wieder auftauchen – ganz gleich, in welches kulturelle Gewand sich diese Kern – Prinzipien kleideten. Das Ergebnis seiner Arbeiten nannte er „Core – Schamanismus“. Eine Reihe von grundlegenden Techniken, die bis zu einem gewissem Grad jedem Menschen ermöglichen sollen, schamanische Erfahrungen zu machen. Einen Teil seiner Forschungen veröffentlichte er in seinem Buch „Der Weg des Schamanen“. Heute werden diese Techniken weltweit durch seine Organisation foudation for shamanic studies (fss) – und inzwischen auch durch kleinere, regionalere Verbände oder Einzelpersonen - gelehrt. Das Ziel dabei ist, schamnische Praktiken losgelöst von ihrem kulturellen Hintergrund, zu vermitteln. Mit Hilfe dieser Methoden soll dem Interessierten möglich gemacht werden, seinen eigenen, regionalen und euchthonen Zugang zum Schamanismus zu finden und zu entwickeln.
Ich selbst lebe den schamanischen Weg - und ich bin dabei lebendiger
geworden und habe mein eigenes, euchthones Schamanentum
tatsächlich aufgespürt.
Überlieferungen, Märchen und Sagen, die
Mythenschätze und Geschichten unserer Kultur liefern
unüberschaubar viele
Hinweise auf ein verborgenes, einst unser Leben bestimmendes
schamanisches
Wissen, Denken und Handeln. Eine der möglichen Quellen, die
wie kaum eine
andere solche Fingerzeige auf das Phänomen liefert, ist in den
spärlichen Überlieferungen der
nordischen Religionen verborgen. Dort ist immer wieder die Rede vom
Seidh (oder
Seidhr, Seidr). Wie üblich wird sich heute recht viel
gestritten um das, was
Seidh nun eigentlich gewesen ist oder gar: heute sein sollte. Genaues
aber, das
muss zugegeben werden, weiß niemand. Ich für meinen
Teil bin mir inzwischen
sicher, dass Seidh nur ein anderes, viel einheimischeres Wort ist, als
der
Begriff „Schamanismus“. Es scheint ein
gleichartiges Phänomen gemeint, welches
lediglich in unterschiedlichen kulturellen Gewändern verborgen
ist. Ich ordne mich
in meinem Selbstverständnis
gelegentlich als Seidhmann ein. Der Begriff beschreibt ausreichend was
ich
tue,
was ich denke, wie ich wahrnehme, letztlich: wie (und wo) ich lebe.
Ich sehe mich dabei nicht als Mitglied einer
Gemeinde die versucht, die „wahre nordische“
Urreligion wiederzubeleben, bin
also kein Asatruar oder dergleichen - wiewohl ich diese
Strömungen
respektiere und es gut finde, dass Menschen dort ein spirituelles
Zuhause finden können. Viele heutige, manchmal etwas
verkrampft
wirkende, Definitionen von „Seidh“ verstehe ich
zumeist als
Rekonstruktionsversuche einer Religion und Kultur, die vor hunderten
von Jahren
vergangen ist. Ich sehe keinerlei Veranlassung für mich, hier
irgendetwas
einzig wahres, ein religöses oder spirituelles Konstrukt aus
einigen wenigen
Texten der Überlieferung annehmen oder selbst erschaffen zu
müssen. Mir genügt
es, ein moderner, frei lebender und denkender Mensch zu sein. Seidh ist
für
mich die unmittelbare Arbeit mit Körper, Bewusstsein und Seele
- in Verbund mit
den Geistern und der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Es ist
für mich die
Fähigkeit, die Welt als belebt und beseelt erkennen, sich
selbst als Geist und
Seele verstehen zu können. Es ist die Fähigkeit, als
Geist in die verborgensten
Reiche des Nichtsichtbaren vorzudringen mit dem Ziel, zu vermitteln, zu
zaubern, zu heilen oder anderweitig zu helfen. Ich bin davon
überzeugt, dass
Seidhleute, die man vielleicht auch Schamanen nennen könnte,
in ihrer Seele als
solche geboren und stark mit Geistern verbunden sind. Es ist dabei ganz
gleich,
welchen kulturellen Realitäten diese Wesen letztlich
entspringen. Für mich sind
die Geister und Götter der nordischen Religionen nur eine Art
von vielen
Geistern oder auch möglichen Gewändern, die diese
Wesen tragen mögen. Ich
empfinde es eben nicht als Nachteil, dass
man heute nur noch rudimentär weiß, was Seidh genau
gewesen sein mag. Ich spüre
in dem Begriff Feuer und Wasser, Hitze, manchmal gestaltloses
Bewusstsein. Ich
sehe darin Zauberei, Magie und Lebenskraft. Ich möchte, dass
es den Seidhleuten
letztlich selbst überlassen bleibt, mit welchen Geistern sie
verbunden sind –
weil das meines Gespürs nach in der Natur des Seidh an sich
liegt. Seidh
funktioniert überall – in den manchmal bitter kalten
Regionen des Nordens
ebenso wie im Dschungel.
Wenn Du mir eine Nachricht zukommen lassen willst freue ich mich über einen Eintrag im Gästebuch (Anmelrung 2012: das Gästebuch habe ich inzwischen entfernen müssen) oder Du schreibst mir eine eMail - die notwendigen Kontaktdaten findest Du im Impressum. Das ein oder andere Lob wird natürlich auch gerne gelesen :-) Ich wünsche Dir nun viel Spaß bei der nachfolgenden Lektüre.
© Frank Röpti, München: Juni 2010