Header

Seidh und Schamanentum
Flußgeist
Nachfolgender Aufsatz möchte Dir einen kleinen Einblick in mein Verständnis des "Seidh" - Begriffes vermitteln, wenn Du daran interessiert bist. Es soll damit niemand missioniert oder bevormundet werden und Du bist frei, unter Seidh natürlich das zu verstehen, was Du gern darunter verstehen magst. Wohl: ein bißchen sollte solches Verständnis schon bei den Tatsachen bleiben, wie ich finde. Von einem "Schamanen" würde ich zum Beispiel erwarten, dass er auch schamanisiert und damit etwas bewegt. Nur Tarotkarten zu legen und das als "Schamanismus" zu bezeichnen halte ich für etwas...daneben. Darüber hinaus bin ich im Übrigen kein großer Freund von Namen und Titeln, die all zu oft nur dazu dienen, Menschen in irgendwelche bequemen Schubladen zu stecken (oder andere außen vor zu lassen). Letztlich ist es ohnehin fast egal, wer wen als was zu bezeichnen gedenkt: Namen sind gut für Kommunikation - darüber hinaus sind sie wahrscheinlich bedeutungslos. Es ist mir von dem her inzwischen egal, ob mich Menschen nun als "Schamane", "Seidhmann", "Geisterkommunikator" oder was einem da noch so einfallen könnte bezeichnen, solange damit einigermaßen bei dem geblieben wird, was ich denke, sehe und lebe.

S
chamanismus ist eine jahrtausende alte spirituelle Technik und Weltsicht. Das Phänomen ist rund um den Globus in ähnlichen Formen aufzufinden. Der Begriff wurde von Ethnologen und Anthropologen aus dem sibirischen Sprachraum entliehen um dieses weltweit auftretende Phänomen einheitlicher beschreiben, vor allem kommunizieren zu können. Das ändert jedoch nichts daran, dass jede Sprache, jede Kultur auf der ganzen Welt ihre ureigenen Begriffe zur Beschreibung der schamanischen Techniken und ihrer Praktikanten verwendet. Bei uns verschwand das Wissen vor einigen Jahrhunderten im Untergrund. Nur einige wenige Meister übten die Kunst aus und hielten sich dafür möglichst verborgen vor den Blicken derer, die dafür nichts übrig hatten. Es gab entlang der Zeiten vermutlich eine ganze Reihe von Bezeichnungen für das, was wir heute mit „schamanisch“ zu umschreiben pflegen. Einige davon sind auch heute noch geläufig, andere in Vergessenheit geraten.

    Dass das Schamanentum und seine Techniken inzwischen auch im Westen wieder Verbreitung finden konnte ist in erster Linie zwei Anthropologen zu verdanken. Einer davon war Carlos Castaneda, dessen Erzählungen – auch wenn deren reale Hintergründe kritisch hinterfragt werden können – viele Menschen weltweit mit dieser Art des Denkens bekannt gemacht hat. Castaneda hat in seinen „Romanen“ auch eine Menge praktischer Anregungen versteckt. Den eigentlichen Schritt vom Wissen um das Phänomen zur handfesten und real erlebbaren Praxis hat jedoch Michael Harner initiiert. Er untersuchte mittels eigener praktischer Forschung und Studium entsprechender Literatur das schamanische Phänomen weltweit und erkannte dabei einige grundlegende Prinzipien, die in dieser Art immer wieder auftauchen – ganz gleich, in welches kulturelle Gewand sich diese Kern – Prinzipien kleideten.  Das Ergebnis seiner Arbeiten nannte er  „Core – Schamanismus“. Eine Reihe von grundlegenden Techniken, die bis zu einem gewissem Grad jedem Menschen ermöglichen sollen, schamanische Erfahrungen zu machen. Einen Teil seiner Forschungen veröffentlichte er in seinem Buch „Der Weg des Schamanen“. Heute werden diese Techniken weltweit durch seine Organisation foudation for shamanic studies (fss)  – und inzwischen auch durch kleinere, regionalere Verbände oder Einzelpersonen - gelehrt. Das Ziel dabei ist, schamnische Praktiken  losgelöst von ihrem kulturellen Hintergrund, zu vermitteln. Mit Hilfe dieser Methoden soll dem Interessierten möglich gemacht werden, seinen eigenen, regionalen und euchthonen Zugang zum Schamanismus zu finden und zu entwickeln.

    Ich selbst lebe den schamanischen Weg - und ich bin dabei lebendiger geworden und habe mein eigenes, euchthones Schamanentum tatsächlich aufgespürt. Überlieferungen, Märchen und Sagen, die Mythenschätze und Geschichten unserer Kultur liefern unüberschaubar viele Hinweise auf ein verborgenes, einst unser Leben bestimmendes schamanisches Wissen, Denken und Handeln. Eine der möglichen Quellen, die wie kaum eine andere solche Fingerzeige auf das Phänomen liefert,  ist in den spärlichen Überlieferungen der nordischen Religionen verborgen. Dort ist immer wieder die Rede vom Seidh (oder Seidhr, Seidr). Wie üblich wird sich heute recht viel gestritten um das, was Seidh nun eigentlich gewesen ist oder gar: heute sein sollte. Genaues aber, das muss zugegeben werden, weiß niemand. Ich für meinen Teil bin mir inzwischen sicher, dass Seidh nur ein anderes, viel einheimischeres Wort ist, als der Begriff „Schamanismus“. Es scheint ein gleichartiges Phänomen gemeint, welches lediglich in unterschiedlichen kulturellen Gewändern verborgen ist.  Ich ordne mich in meinem Selbstverständnis gelegentlich als Seidhmann ein. Der Begriff beschreibt ausreichend was ich tue, was ich denke, wie ich wahrnehme, letztlich: wie (und wo) ich lebe.      
Ich sehe mich dabei nicht als Mitglied einer Gemeinde die versucht, die „wahre nordische“ Urreligion wiederzubeleben, bin also kein Asatruar oder dergleichen - wiewohl ich diese Strömungen respektiere und es gut finde, dass Menschen dort ein spirituelles Zuhause finden können. Viele heutige, manchmal etwas verkrampft wirkende, Definitionen von „Seidh“ verstehe ich zumeist als Rekonstruktionsversuche einer Religion und Kultur, die vor hunderten von Jahren vergangen ist. Ich sehe keinerlei Veranlassung für mich, hier irgendetwas einzig wahres, ein religöses oder spirituelles Konstrukt aus einigen wenigen Texten der Überlieferung annehmen oder selbst erschaffen zu müssen. Mir genügt es, ein moderner, frei lebender und denkender Mensch zu sein. Seidh ist für mich die unmittelbare Arbeit mit Körper, Bewusstsein und Seele - in Verbund mit den Geistern und der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Es ist für mich die Fähigkeit, die Welt als belebt und beseelt erkennen, sich selbst als Geist und Seele verstehen zu können. Es ist die Fähigkeit, als Geist in die verborgensten Reiche des Nichtsichtbaren vorzudringen mit dem Ziel, zu vermitteln, zu zaubern, zu heilen oder anderweitig zu helfen. Ich bin davon überzeugt, dass Seidhleute, die man vielleicht auch Schamanen nennen könnte, in ihrer Seele als solche geboren und stark mit Geistern verbunden sind. Es ist dabei ganz gleich, welchen kulturellen Realitäten diese Wesen letztlich entspringen. Für mich sind die Geister und Götter der nordischen Religionen nur eine Art von vielen Geistern oder auch möglichen Gewändern, die diese Wesen tragen mögen.  Ich empfinde es eben nicht als Nachteil, dass man heute nur noch rudimentär weiß, was Seidh genau gewesen sein mag. Ich spüre in dem Begriff Feuer und Wasser, Hitze, manchmal gestaltloses Bewusstsein. Ich sehe darin Zauberei, Magie und Lebenskraft. Ich möchte, dass es den Seidhleuten letztlich selbst überlassen bleibt, mit welchen Geistern sie verbunden sind – weil das meines Gespürs nach in der Natur des Seidh an sich liegt. Seidh funktioniert überall – in den manchmal bitter kalten Regionen des Nordens ebenso wie im Dschungel.

   Wie ist es mit Dir? Bist Du auf der Suche nach Deinen eigenen Wurzeln? Nach der einzig wahren Heimatreligion? Nach Deinen Geistern oder gar Deiner Seele? Es ist Dir selbst überlassen, welchen Weg Du wählst, es wird bei Dir und beim Weg selbst liegen, wie er denn konkret aussehen wird. Vielleicht sind es die Götter des nordischen Asatru, die Deine Heimat sind. Vielleicht sind sie auch nur ein Teil Deiner Heimat. Vielleicht hast Du mit ihnen gar nichts zu schaffen. Seidhleute werden gut daran tun, selbst hinzusehen statt die Vorgaben anderer Menschen oder „authentischer Überlieferungen“ ungeprüft als eigene Wahrheit anzunehmen. Ich möchte Dich ermuntern, raus zu gehen, dem Fluss  zu lauschen, Dich mit den Bäumen und Pflanzen zu unterhalten, die Erde zu spüren, dem Wind zu folgen. Ortsgeist
Das alles ist möglich mit Seidhtechniken, weil sie sehr viel mit Bewusstsein, Sinnesorganen, der Körperalchemie und der eigenen Seele zu tun haben. Wer weiß: vielleicht begegnen Dir da draußen die Runen, so wie mir das ergangen ist. Dann wird es Dir gut tun, Dich mit dem System zu beschäftigen, die Geister dahinter kennen zu lernen und Dich mit ihrer Kraft zu verbinden. Vielleicht findest Du Loki in der Glut des Feuers am Fluss, oder Odin in den Stürmen des Herbstes. Aber wundere Dich nicht, wenn plötzlich ein Luftwesen in Gestalt eines japanischen Drachen grinsend an Dir vorbeifliegt während Du die Elementargeister herbei trommelst, in der Oberwelt ein „typischer“  sibirischer Schamane als Lehrer auftaucht oder Du anfängst, Dich für Yoga oder Qi Gong zu interessieren. Das ist alles möglich und es macht Dein Seidh – Dein Bewusstsein, Deine Seele, Deine Rituale – kein bisschen weniger authentisch. Aus meiner Sicht: ganz im Gegenteil.

   Im Folgenden nehme ich mir die Freiheit, Seidh „durch den selben Mund“ als modernen und in Europa beheimateten Schamanismus zu assoziieren ohne mich sonderlich von einer einzigen und wahren nordischen Urrelligion beeinflussen zu lassen. Ich werde einige Techniken des praktischen Schamanentums beschreiben, einige Geschichten erzählen, vielleicht ein wenig über das schamanische Heilen und seine Medizinkräfte berichten. Du bist herzlich dazu eingeladen, an meinen Gedanken teil zu haben.     Du bist auch herzlich eingeladen, das von mir geschriebene als Anregung aufzufassen, Dir eine eigene Meinung zu bilden und Deinen eigenen Weg zu gehen. Ich möchte Dich an dieser Stelle auch bitten, die Praxis des „Dir selbst vertrauens“ zu erlernen. Jenseits Deiner bewussten, alltäglichen Persönlichkeitsanteile ist ein Wesen verborgen, welches die Psychologie gelegentlich ein „Unterbewusstsein“ nennt. Jan Fries hat für dieses Wesen die Bezeichnung „Tiefenselbst“ als mögliche Metapher ins Spiel gebracht. Ich selbst bin überzeugt, ganz gleich wie dieses Etwas genannt werden mag, dass es sich dabei um einen Deiner wichtigsten Verbündeten handelt, nämlich Dich selbst. Dieser Teil von Dir, von dem die bewussten Teile meiner Eichätzung nach nicht mehr als einen Daumennagel ausmachen, ist ein wesentlicher Teil des Geheimnisses. Es ist der eigentliche Seidhmann, die eigentliche Seidhfrau – oder wie immer Du Deine spirituelle Identität selbst umschreiben magst. Es kann ein Teil des Spiels sein, diese Seele zu entdecken und Dich mit ihr zu verbinden. Wenn Du dabei Hilfe brauchst kann ich Dir nur wärmstens die Bücher von Jan Fries ans Herz legen als Beispiel – sowie Praxis, Praxis, Praxis.   

    Wenn Du mir eine Nachricht zukommen lassen willst freue ich mich über einen Eintrag im Gästebuch (Anmelrung 2012: das Gästebuch habe ich inzwischen entfernen müssen) oder Du schreibst mir eine eMail - die notwendigen Kontaktdaten findest Du im Impressum. Das ein oder andere Lob wird natürlich auch gerne gelesen :-) Ich wünsche Dir nun viel Spaß bei der nachfolgenden Lektüre.

© Frank Röpti, München: Juni 2010

Zauberberg

Inhaltsverzeichnis