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Seelenarbeit im Schamanentum

   

   Ein Hauptaufgabengebiet des Schamanen ist der Komplex der "Seele".
Was ist eine Seele? Ich empfehle, Dir zu dieser Frage zunächst selbst einige Gedanken zu machen. Individuelle Meinungen und Ansichten dürfen nicht als verbindlich und allgemeingültig gelten. Der Einfachheit halber betrachte ich die Seele für diesen Aufsatz als die Gesamtheit der nichtstofflichen Persönlichkeitsanteile. Aus meiner Sicht kann und sollte der Begriff von verschiedenen Standpunkten aus gründlich untersucht werden.
Einerseits kann ein Bezug zum Wasserelement vermutet werden: "See" im Sinne von Gewässer. Das ist nicht so ganz unwahrscheinlich, da für unsere Vorfahren Wasser ein mystisches Element war, eine Art physischer Nicht - Stoff. Mit etwas Phantasie lassen sich in dessen Eigenschaften einige Analogien finden, wie man sich auch die geistigen Elemente eines lebenden Wesens vorstellen könnte. So gesehen gleicht die "Seele" einem See. Ein Teil dieses Sees ist es dann, welcher im physischen Körper inkarniert - und nach dessen Tod wieder zu seinem Ursprung zurückkehrt. Dieser Teil könnte dann das sein, was wir unter Seele im Speziellen verstehen dürfen.
Ein zweiter wesentlicher Aspekt des Seelenbegriffes ist ein "Inhalt". So gesehen beschreibt der Ausdruck einen Kern, ein form- und sinngebendes Innenleben. Die Seele eines Computers zum Beispiel könnte sein Prozessor bzw. tiefer gesehen: die Prozessorfunktion sein. Die Seele einer Wäscheleine ist nicht selten ein zugfestes Seil im Inneren, welches oft genug von einem dekorativen Äußeren ummantelt ist. Der Begriff "Sinn" ist dem der Seele meiner Ansicht nach verwandt. So gesehen kann Seele als der eigentliche Sinn eines physischen Objektes, eines Vorganges oder eben auch eines lebenden Wesens verstanden werden1Beim Menschen kann die Seele u.a. als die Grundlage von Bewusstsein und Psyche verstanden werden. Ein wesentliches Kennzeichen dabei ist, dass es sich bei beiden Seelenaspekten auch um physisch manifestierte Strukturen handelt. Ein offensichtliches Medium dieser Strukturen sind vor allem Gehirn und Nervensystem: sie bilden die Brücken, über die die eigentliche, nichtstoffliche Seele mit dem Körper und damit der Umwelt verschalten wird. Im Weiteren ist jedoch jede physische Struktur, jede Funktion, jedes Organsystem, letztlich jede Zelle beseelt: die Seele ist so gesehen die nichtphysische, unsichtbare Grundlage jeder manifestierten, körperlichen Struktur oder Funktion. Der Mensch ist also in seiner Gesamtheit - Körperstruktur, Charakter und Persönlichkeit, Denken und Fühlen, die Tätigkeit des Immunsystems, Temperatur, Kreislauf usw. - letztlich ein geformter, sicht- und greifbar gewordener, eben manifestierter Ausdruck seiner Seele.
Seelenkörper

    Fast alle Kulturen rund um den Erdball kennen mehr oder weniger ausgefeilte Konzepte der Seele. Dabei tauchen differenzierte Unterschiede auf, die in der schamanischen Praxis berücksichtigt werden können, letztlich auch aus dieser heraus entstanden sind. So kennen die sibirischen Kulturen beispielsweise die Unterteilung in eine weiße und eine graue Seele. Der graue Teil ist dabei der physisch inkarnierte. Die Weiße dagegen ist der andersweltliche Ursprung, aus dem heraus die spätere Graue in den Körper gebunden wird. Aus der Mongolei sind mir noch spezialisiertere  Unterteilungen bekannt, dort gibt es des Weiteren eine schwarze Seele. Diese verbleibt post mortem bei den sterblichen Überresten und löst sich erst allmählich auf. Soweit mir bekannt, ist es auch dieser Seelenteil, der unter Umständen später als Totengespenst Probleme machen kann. Dann gibts da noch Knochenseelen, Organseelen und diverse weitere Möglichkeiten. Vielleicht ist es dabei von Bedeutung, derartige Unterteilungen nicht als zwingend und unveränderlich zu verstehen. Das Wissen um diese Möglichkeiten kann als Sprungbrett benutzt werden, sich ein eigenes Verständnis zu erarbeiten. Derartiges lässt sich nicht im analytischen Studium erwerben: es beruht auf Empirie, d.h. es gründet auf der eigenen, persönlichen, kontrollierten Wahrnehmung. Mögliche Wege dahin sind schamanische Reisen, Meditation oder das Befragen der Geister. Dieses eigene Verständnis erachte ich als einigermaßen wichtig, vor allem auch, um die Auswirkungen von schamanisch zugänglichen Seelenproblemen einsehen und abschätzen zu können.

    Schamanische Seelenarbeit ist eine praktische Methode, eine ganze Reihe möglicher Probleme zu lösen. Inzwischen bekannt ist die Technik der Seelen(teil)rückholung. Das Thema wurde u.a. von Sandra Ingermann im Rahmen des coreschamanischen Ansatzes ausführlich beschrieben. Der Ansatz geht davon aus, dass unter Umständen Teile der Seele verloren gehen können. Der Kardinal - Auslöser für derartig dramatisches Geschehen ist das Trauma2.
Dabei darf beachtet werden, dass jede Art von Trauma zum Verlust von Teilen der Seele führen kann. Ein schwerer Verkehrsunfall, ein häuslicher Unfall etc. können so etwas ebenso begünstigen wie körperlicher oder psychischer Mißbrauch3.
Das akute Trauma ist jedoch nicht die einzige Ursache, die zum Verlust von Seelenteilen führen kann. Andere Möglichkeiten sind chronische Krankheiten, langfristiges Ausgesetzt sein gegenüber widrigen Lebenssituationen, Mobbing, energetische Blockaden unterschiedlichster Art, natürlich auch magische Angriffe / Verhexungen. Symptome können das gesamte mögliche Spektrum an Leid und Folgeproblemen nach sich ziehen. Die Diagnose "Seelenteilverlust" kann also nicht an bestimmten Ursachen oder auch Symptomen festgemacht werden. So etwas kann nur Hinweise geben bzw. den Gedanken an Seelenteilverlust nahe legen. Die Feststellung mittels schamanischer Methoden, Auskunft der Geister etc kann aber nicht ersetzt werden.

                Wie können Teile der Seele verloren gehen?

    Dazu ein illustrierendes Fallbeispiel: Vor einigen Jahren wurde ich recht unmittelbar Zeuge eines Verkehrsunfalls. Zwei Fahrzeuge vor mir knallte es an einer Ampel und ich sah einige Teile durch die Luft fliegen: ein PKW war in eine rote Ampel eingefahren, auf der Kreuzspur konnte ein Motorradfahrer samt Sozius nicht mehr ausreichend bremsen und rammte den Wagen frontal anschlagend. Ich stürzte dazu um erste Hilfe zu leisten, eine Traube von Menschen hatte sich in wenigen Sekunden um den Unfallort versammelt, teilweise zuschauend, teilweise helfen wollend. Der Fahrer des Motorrads lag rücklings quer über der Motorhaube. Die Augen waren offen, völlig klar und der Mann verhielt sich ruhig. Als ich ihn ansprach schaute er mich an, gab aber keine verbale Antwort. Er war nicht bewusstlos – aber „da“ war er auch nicht. Für mich war deutlich zu sehen, dass da eine Menge „Geist“ über dem Unfallort in ca. zwei bis drei Meter Höhe schwebte wie eine durchsichtige Luftblase. Um genau zu sein bildete ich mir ein, zwei derartige „Seelenblasen“ wahrzunehmen. Es dauerte etwa noch eine halbe Minute, dann bekam ich langsam den Eindruck, dass eine dieser „Luftblasen“ langsam verschwand, kleiner wurde. Der „Geist“ oder die „Seele“ kehrte zurück in den da unten liegenden Körper. Kurz nach Einsetzen dieses Umkehrprozesses begann der Mann stammelnd zu sprechen, sein Gesicht und sein Augenausdruck zeigten Schmerz, der Unterschenkel (der disloziert in unnatürlichem Winkel stand und vermutlich schwer frakturiert war) würde schmerzen, wo seine Lebensgefährtin sei. Als er das sagte wurde mir überhaupt erst mal klar, dass ich tatsächlich ZWEI Seelen gesehen hatte! Bis dato wusste ich nämlich nicht, dass es noch eine Person auf dem Motorrad gegeben hatte. Keiner der Anwesenden kümmerte sich um jene zweite Person, alle waren auf den Mann konzentriert, der so offensichtlich quer auf der Motorhaube lag. Ich suchte nach der Stelle, wo ich die zweite Seele gesehen hatte, etwa auf Höhe über dem Mittelholm auf der Beifahrerseite des PKW. Tatsächlich: dort unten war die Partnerin des Motorradfahrers unter das Auto gerutscht. Die hatte dort bisher keiner bemerkt! Auch die Frau war nicht „bewusstlos“, zeigte aber ganz ähnliche „Abwesenheitszeichen“ wie ihr Partner kurz vorher noch. Ich versuchte Kontakt zu ihr aufzunehmen, untersuchte sie, prüfte die Reflexlage, sprach sie an und merkte, wie zunehmend die „Seelenluftblase“ über uns kleiner wurde. Die Frau gab jetzt ebenfalls mündliche Auskunft, wo sie Schmerzen spürte etc. Die zwei Seelen über dem Unfallort waren nach kurzer Zeit komplett verschwunden also für mich nicht mehr wahrnehmbar. Sie waren zurückgekehrt in die Körper der Unfallopfer. Dadurch waren diese wieder anwesender, begannen den Schmerz zu fühlen, zu verbalisieren und sich auch Gedanken zu machen, wo der Partner war, wie es ihm gänge. Beide wurde letztlich durch den Rettungsdienst übernommen: sie kamen mit vergleichsweise harmlosen Verletzungen davon.


    Das Beispiel zeigt ganz gut den Mechanismus eines Seelenteilverlustes auf. Die Fähigkeit der Seele, sich in extrem problematischen Situationen geradezu blitzartig zurück zu ziehen, aus dem Körper zu fliehen, ist ein Überlebenstrick, der vollkommen natürlich ist. Das dürfte einer der wesentlichen Gründe sein, dass in den ersten Sekunden schwerer Unfälle oftmals Schmerzen gar nicht richtig wahrgenommen werden. Dass die Schmerzwahrnehmung erst später einsetzt wird von vielen physisch traumatisierten mit erhaltenem Bewusstsein berichtet. Sobald die Situation geklärt ist, vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grad gesichert ist, setzt eine Art Rückströmen der geflüchteten Seele in den physischen Körper ein, damit beginnt die Persönlichkeit, physische Wahrnehmung etc. wieder normal zu funktionieren. Diese Rückkehr der Seele in den Körper ist ebenfalls eine normale Reaktion. In der Regel heilen Seelenabspaltungen dieser Art im Laufe der Zeit wieder komplett aus. Es handelt sich aber um typische Situationen, die letztlich zum schamanisch relevanten Seelenteiltrauma führen können: in diesem Fall bleiben tatsächlich Teile der abgespaltenen Seele dauerhaft außerhalb des Körpers. Im Prinzip sollte bei Traumen und anderen Situationen, die grundsätzlich immer (!) mit Seelenabspaltungen einhergehen, sofort eine entsprechende Behandlung gemacht werden. In schamanisch geprägten Kulturen: absolut normal. In unserem Kulturkreis verfügen nur noch wenige über dieses Wissen. Das ist der Grund, warum Menschen teilweise Jahrzehnte lang mit mehr oder weniger ausgeprägten Seelenteilverlusten leben müssen. Meiner Vermutung nach macht das auch erheblich was zu den typischen Pathologien unseres Kulturkreises dazu. Jedenfalls beginnt man sich seine Gedanken zu machen wenn man gesehen hat, wie alle möglichen Krankheiten und Symptome einfach verschwinden, wenn erfolgreiche Seelenteilrückholungen gemacht worden sind.

Die Praxis

    Am besten verlässt Du Dich bei der Diagnose auf das, was Du im schamanischen Bewusstseinszustand siehst. Es ist wie immer von Vorteil, entweder das bis dahin im Vorgespräch gehörte möglichst zu vergessen oder noch besser: VOR einem detaillierten Gespräch eine schamanische Reise zum Problem Deines Klienten zu machen. Eindrücke aus solch einer "verblindeten" Sitzung, die anschließend vielleicht sogar im Gespräch verifiziert werden können, haben sehr viel höhere Relevanz, weil die eigene Erwartungshaltung ("vorgeimpft") dabei weitgehend ausgeschaltet ist.
Wenn Seelenteilverlust tatsächlich vorliegt und Dich Deine Geister das auch sehen lassen ist es wahrscheinlich, dass Du das Problem auch behandeln kannst und darfst. Trotzdem bei den Verbündeten nachfragen! Oft genug gibt die schamanische Reise zum verloren gegangenen Seelenteil wertvolle Hinweise. Das Umfeld, in dem er sich aufhält, wird nicht selten mit dem ursprünglichen Auslöser des Verlustes in Zusammenhang stehen. Dies kann seinen Ausdruck durch eine zu "übersetzende" Symbolsprache ebenso finden wie in dem detailgetreuen Eins zu Eins - Sehen der auslösenden, traumatischen Situation4.

    Manchmal müssen Seelenteile behandelt werden, bevor Du sie zu Deinem Klienten zurückbringen kannst. Vielleicht muss er irgendwie gereinigt werden, Verbände oder sonstige "Reparaturen" könnten notwendig sein. Eher selten kann es auch passieren, dass Du mit dem Seelenteil regelrecht verhandeln musst Bewährte Argumente sind das in Aussicht Stellen von Heimatlichkeit, eine aktuelle, vielleicht gebesserte Lebenssituation und dergleichen. An der Stelle kann durchaus auch die Professionalität Deines rituellen Umfelds förderlich wirken: Stimmung und Atmosphäre im Behandlungsraum, vorausgegangene reinigende und förderliche Räucherungen etc. Die Ausstrahlung eines Behandlungsraumes ist im Idealfall eine positive, kraftvolle und einladende. In der Regel kommen echte Seelenteile aber ohnehin bereitwillig mit. Eine gute Seelenrückholung beruht meiner Erfahrung nach auf einer gewissen "Freiwilligkeit" und geht oft geradezu "von allein". Wenn sich alles gut und passend anfühlt, die Rückholung problemlos gemacht werden kann und obendrein starke Synchronizitäten auftreten kann damit gerechnet werden, dass tatsächlich ein aktuell zu behandelnder Seelenteilverlust bearbeitet wird - und nicht etwa irgendein Hirngespinst des Schamanen (auch das kann passieren!) oder Klienten.


    Problematisch kann es werden, wenn Seelenteile gar von andersweltlichen Wesen geraubt wurden. Das gibt es tatsächlich, wiewohl ich selbst dergleichen bisher nur einmal gesehen habe. In manchen Kulturen ist das aber tatsächlich an der Tagesordnung. Dort geht praktisch jeder Seelenteilverlust mit der Intervention eines Geistwesens einher. Solche Schamanismen bauen nicht selten in ihrer Grundstruktur auf diesem Wissen auf5. Wesentlicher Teil der Ausbildung dortiger Schamanen ist das Verhandlungsgeschick zu schärfen, die traditionellen Opfergaben für einzelne Geister zu kennen usw. Diese Wesen haben oftmals (aus ihrer Sicht) gute Gründe, Seelenteile zu klauen. Aufgabe des Schamanen ist es dann, einen Weg zu finden, den Seelenteil irgendwie frei zu bekommen. Von Verhandeln über Anwendung von Tricks bis hin zu kämpferischer Auseinandersetzung kann da alles notwendig werden: nicht jedermanns Sache, das. 

    Wenn in der Geisterwelt soweit alles "abreiseklar" ist wirst Du oder Deine Verbündeten den Seelenteil irgendwie an Dich nehmen und dann zügig die Rückreise in den Raum antreten, in dem sich der Klient befindet. Dieser Transport in der Geisterwelt und der Übergang in die alltägliche Wirklichkeit sind empfindliche Punkte. Seelenteile nehme ich als äußerst "flüchtig" war. Einmal nicht aufgepasst verschwinden sie relativ schnell. Du wirst gut daran tun, während der gesamten Rückreise penibel genau achtzugeben, dass der Seelenteil unterwegs nicht verloren geht. Eine einfache Technik wäre, das Seelchen mit einer freien Hand an die Brust zu drücken und so nach Hause zu transportieren. Das passiert natürlich in der Geisterwelt, Du kannst die Bewegung, die dazu notwendig ist, problemlos auch in der alltäglichen Wirklichkeit machen, wenn Dir das hilft (mir hilft es). Wenn Du ein geeignetes "Transportgefäß" - ein Lederbeutelchen oder ein Bergkristall z.B. - hast kannst Du den Seelenteil auch da hinein transferieren. Das erhöht die Chancen, das Teilchen wirklich an einem Stück zum Klienten zu bringen. Ein solches Werkzeug gibt außerdem die Möglichkeit, das empfindliche Gebilde mittels des Hilfsgegenstandes "zwischenzuparken", falls noch Behandlungen am Klienten vorgenommen werden müssen, bevor der Seelenteil eingeblasen werden darf. Das im Übrigen musst Du Dir natürlich vorher idealerweise anschauen. Es ist hochwahrscheinlich, dass Du den Klienten zumindest im Vorfeld reinigen musst, abräuchern oder dergleichen. Manchmal sind Extraktionen oder sonstige Vorarbeiten zu machen. Andernfalls kann es Probleme geben. Erst wenn Deine Verbündeten ebenso wie der Gesamteindruck grünes Licht geben solltest Du einen zurückgebrachten Seelenteil wirklich in den Klienten hineintransferieren. Vorher macht das wenig Sinn, weil die Chancen, dass er sich sofort wieder verflüchtigt, einfach zu groß sind. Es kann durchaus auch sein, dass Dein Klient im Laufe einiger Vorabsitzungen überhaupt erst vorbereitet werden muss. Dazu können Gespräche, regelmäßige Reinigungen, eventuell anstehende Extraktionen gehören. Ein sauberes Handwerk, sichere Arbeitstechnik, vor allem aber Geduld und Umsichtigkeit sind Deine besten Garanten, erfolgreich zu arbeiten und Deinen Patienten wirklich langfristig helfen zu können.   

    Um den Seelenteil mit dem Klienten zu verbinden gibt es verschiedene Möglichkeiten. Als erstes musst Du natürlich das Seelchen irgendwie in den Klienten einbringen. Das funktioniert analog zu den Methoden, welche Du vom Bringen eines Schutzgeistes etc. bereits kennst. Am einfachsten ist es wohl, den zurückgebrachten Geistaspekt einzublasen. Üblicherweise im Herzbereich und hernach noch mal am Scheitelpunkt. Im Einzelfall musst Du vielleicht an bestimmten Körperteilen einblasen, worüber Dich Deine Verbündeten informieren werden. Achte darauf, dass die Seelenkraft wirklich restlos und sicher in den Klienten eingeblasen wird. Verlass Dich dabei ruhig auf Deine Eindrücke in schamanischer Vision. Entscheidend dabei wie so oft ist auch Dein Wille: die klare, unumstößliche Intention "ich bringe diesen Seelenteil zu meinem Klienten" - wenn sie nur stark genug erfasst ist, ist ein wichtiges Kraftpotential. Dein Wollen und auch das des Klienten gibt der Sitzung Rahmen und Ziel, in dem sich letztlich die schamanische Heilung abspielt. Wenn Du den Seelenteil in Deiner Hand hast legst Du diese auf die Brust des Patienten und pustest kräftig hindurch, Dir dabei vorstellend, wie der Luftstrom den Seelenteil mit in die Tiefe nimmt, in den Körper des Klienten. Sieh, wie sich dort in der Tiefe das Geistige mit dem Physischen verbindet, wie es mit Geweben und Zellen verschmilzt, in den Zellkern eindringt und sich mit der DNS verbindet. Nach dem Einblasen empfiehlt es sich, sofort die Grenzen um den Klienten herum festzulegen: Imagination, kreisförmiges umrasseln und räuchern sind nutzbare Werkzeuge dafür. 

    In der Regel wird noch einiges zu besprechen sein. Dazu gehören Informationen zu der vorgenommen Behandlung, den Eindrücken Deiner Sitzung und spezifischen Informationen Deiner Geister für den Klienten. Die Zeit nach Seelenrückholung ist oft genug mit Arbeit verbunden: es beginnt die Reintegration. Manchmal kann das ganz leicht und komplikationslos ablaufen. Oft genug gibt es aber doch Probleme. Es können alte Erinnerungen, die mit dem Verlust des Seelenteils in Zusammenhang stehen, raufkommen und wollen verarbeitet werden. Manches davon kann sich über lebhafte Träume bemerkbar machen, eventuell kommen längst vergessen geglaubte Schmerzsyndrome zum Vorschein. Am besten, Dein Klient nimmt sich besonders die ersten Tage nicht zu viel vor und lässt sich viel Zeit für sich selbst. Ein starker Seelenteil kann durchaus als kleine, eigenständige Persönlichkeit betrachtet werden, der sich erst an die neuen Lebensumstände gewöhnen muss. Vielleicht muss sein Besitzer mit ihm regelrecht kommunizieren, im gut zureden, zuhören, auf Bedürfnisse achten und auf diese Art allmählich mit ihm eines werden. Der Prozess kann durchaus Wochen bis Monate in Anspruch nehmen. Eine gute Technik, die ich von Adrian Osswald gelernt habe, ist das Mitgeben eines kleinen Kraftgegenstandes, der mit der Seelenrückholung in Zusammenhang steht und Deinen Patienten in der Zeit danach Unterstützung und Kraft zukommen lassen kann. Frag Deine Geister, wie genau das zu bewerkstelligen ist. Passende Gegenstände schenkt Dir die Natur - Steine, Federn und dergleichen. Vielleicht hast Du auch handwerkliches Talent und musst selbst etwas herstellen.
Die tatsächliche Seelenrückholung ist oft genug eher als wesentlicher Meilenstein im Rahmen eines über längere Zeit laufenden Heilprozesses zu verstehen. Wenn Du bedenkst, dass insbesondere danach viel Kraft seitens des Klienten notwendig ist und im Prinzip die Reintegrationsarbeit von ihm selbst bewältigt werden muss lässt sich sicher besser verstehen, dass solche Behandlungen nicht sofort für jeden Patienten geeignet sind. Natürlich kann und soll ihm dabei durchaus geholfen werden, der Schamane sollte also für seinen Klienten erreichbar bleiben, eventuell kann auch psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein. Aber primär muss darauf geachtet werden, dass der Patient eine Seelenrückholung überhaupt auch verkraften kann. Es ist also wichtig, dass Du Dir als Schamane vor solchen Behandlungen ein umfassendes Bild machst und überzeugt bist, dass Dein Klient stark genug ist. Sollte dem nicht so sein muss entsprechend vorbereitet werden: wie oben erwähnt kann das Vorabgespräche, auch Behandlungen wie Reinigungen und Extraktionen beinhalten. Naturheilkundler haben weitere Möglichkeiten, Vor- und Nacharbeit mit passenden Methoden zu unterstützen. Individuelle Kräuterrezepte, Spagyrika etc können hilfreich sein, sowohl was die Vor- als auch die Nachbereitung betrifft. Wenn Du selbst nicht Heilpraktiker oder Arzt bist könntest Du darüber nachdenken, entsprechende Kontakte aufzubauen. Gleiches gilt im psychotherapeutischen Bereich6.

    Das wahrscheinlichste, was passieren wird, wenn die Seelenrückholung eigentlich noch gar nicht ansteht aber trotzdem durchgeführt wird ist, dass sie nicht wirkt. Der Seelenteil wird sich sehr schnell wieder verflüchtigen. Problematischer ist das, wenn wirklich Komplikationen auftauchen, mit denen der Klient nicht klar kommt. Dann muss auf jeden Fall nachbehandelt, vielleicht sogar über fachliche Unterstützung medizinischer oder psychiatrischer Art nachgedacht werden. Wenn Deine Geister gut mit Dir zusammen arbeiten kann das eigentlich nicht passieren. Ich selbst habe dergleichen noch nie erlebt.   

Bei einer guten Seelenrückholung und wenn anschließend nichts Unvorhersehbares dazwischen kommt, was den Heilungsprozess massiv behindert, läuft die zunehmende Integration des Seelenteils meiner Erfahrung nach oft geradezu von allein. Manchmal treten Träume auf, in denen Situationen erlebt werden, die zur ursprünglichen Verlustursache in Verbindung stehen. So etwas kann als Verarbeitung und Ausdruck des fortschreitenden Heilprozesses gesehen werden. Ich verstehe das auch als Kommunikation des Seelenteiles, als Kontaktaufnahme mit dem Ganzen. Natürlich kann diese Kommunikation auch auf anderen Wegen zu Stande kommen, im Prinzip ist da so einiges denkbar, inklusive starker Synchronizitäten im alltäglichen Leben. Normale Gesprächsfähigkeit, etwas Erfahrung und Fingerspitzengefühl sind Deine besten Garanten, als kompetenter Ansprechpartner und Begleiter für Deinen Klienten da sein zu können. Sonstige für Dich spezielle Fähigkeiten lernst Du von Deinen Geistern. Im Übrigen: frag am besten sie, wenn Du mit Fragen konfrontiert wirst, die Dich verunsichern. Und vergiss nicht, dass Du als Schamane in erster Linie schamanisierst. Es ist nicht Grundvoraussetzung, Psychologie studiert zu haben, ebenso wenig Medizin, um Seelenrückholungen erfolgreich zu machen und anschließend auch kundig und mitfühlend mit Deinem Klienten reden zu können, um ihm den Integrationsprozess zu erleichtern. Letztlich ist das nämlich vor allem seine Aufgabe, der Schamane ist in meinem Verständnis allenfalls Begleiter.
Trotzdem, eben gerade, wenn Du als Schamane arbeitest (und nicht als Psychologe z.B.): es gibt eine Menge zu beachten, eine Menge zu verstehen - und es ist viel Übung notwendig, um Seelenrückholungen sicher machen zu können. Lass Dir also besser Zeit, bevor Du so etwas auf eigene Verantwortung durchführst. Ich empfehle dringend, wenigstens ein entsprechendes Seminar zu besuchen, um ein Minimum an Handwerkszeug zu erlernen. Ein fachkundiger Lehrer ist für solche Techniken unumgänglich. Im Schamanentum wird viel Wissen direkt übermittelt: durch zusehen, nachmachen, mitspüren. Niedergeschriebenes, theoretisch gelesenes kann allenfalls Anregungen geben. Doch der eigentliche Funke springt oft in der Praxis über - plötzlich wird vieles verständlich, was bislang im Dunklen verborgen war und Kräfte werden geweckt, die vorher in der Tiefe schlummerten.

 c Frank Röpti, München: Dezember 2010


1 Siehe dazu auch Richard Wilhelms Übersetzungen des Tao Te King und des I Ging - er übersetzt den an sich sinnfreien chinesischen Begriff des "Dao" oder "Tao" mit "Sinn"

2 Das, was hinter diesem Begriff steht, solltest Du bereisen und vorsichtig untersuchen.

3 Ich halte das für wichtig zu verstehen, dass nicht alle Seelentraumatisierten zwangsläufig irgendwelchen Mißbräuchen sexueller oder sonstiger Art ausgesetzt gewesen sein müssen. Eine Unart im Rahmen der inzwischen bedauerlicherweise doch recht verbreiteten pseudopsychologischen Hobby - Esoterik scheint eben das zu sein: jedem Klienten mit einem gewissen Maß an gesundheitlich / psychologischen Problemen wird ansatzlos ein früher kindlicher Mißbrauch attestiert. Der Begriff „Mißbrauch“ scheint in der „Esopsychoszene“ derzeit zu den absoluten Favoriten zu gehören. Ich halte das für bedenklich.

4 So sah ich bei einem Klienten eine Situation an einem Flughafen, meines Empfindens nach einigermaßen weit weg. Ich sah in dort als erwachsener Mann, er hing am Flughafen fest, eingeklemmt mit einem Bein zwischen zwei Koffern. Ich schätzte den Zeitrahmen nach Gefühl ab: demnach musste sich die Situation wenige Monate vorher abgespielt haben. Tatsächlich: der Grund, warum mich der Mann aufgesucht hatte war eine „verfahrene Liebeskiste“. Die Herzensdame war Russin, damals hatte er sie in ihrer Heimat besucht. Es kam dort zum von ihm traumatisch empfundenen Bruch der Beziehung, er wurde von ihr Hals über Kopf „davon gejagt“, fand sich regelrecht von „Jetzt auf Gleich“ am Fluhafen wieder, um den nächst möglichen Flieger nach Hause zu buchen, auf den er einige Stunden warten musste. Ein Gefühl des zwischen den Ländern wenn nicht Welten hängen, von verlassen sein, auf sich selbst gestellt und emotional verletzt. Dort blieb ein Teil der Seele hängen, was es für ihn in der Folge unmöglich machte, die psychisch / emotionale Situation adäquat zu bewältigen.

5 "Schamanen im blinden Land", Regie M. Oppitz, BRD / Nepal / USA 1980

6 Vor allem vor dem Hintergrund, dass Du keine Heilkunde im Sinne des HPG ausüben darfst, wenn Du nicht Arzt oder Heilpraktiker bist ist die Überlegung nahe liegend, entsprechende Kontakte zu knüpfen. Aufgrund der gesetzlichen Regelungen überlässt Du medizinische Abklärungen und  Diagnosen, Absicherungen etc. am besten den dafür ausgebildeten und vor allem zugelassenen Fachberufen. Eine spirituelle Behandlung ist nicht identisch mit einer medizinischen. Beide können sich aber gegenseitig "auf die Sprünge" helfen, was eine gewisse Vernetztheit der verschiedenen Praktiker bis zu einem gewissem Grad nahe legt. Ja: wünschenswert macht.


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