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Ritualistik

 
    Ich kann mich erinnern, früher starke Abneigung gegen das Wort "Ritual" und alles, was damit verbunden war, gehabt zu haben. Die Vorstellungen, die ich damit verband, waren geprägt durch Kirche, Sekten, zweitklassige Filme, Männer in schwarzen Kapuzenmänteln, dunkle Kellergewölbe, schwarze Kerzen und dergleichen.
Es hat eine Zeit lang gedauert, diese Vorurteile zu durchschauen, abzulegen und meine eigenen Erfahrungen zu machen. Ritualistik ist nicht nur im Schamanismus ein nützliches Werkzeug. Bei offenem Hinsehen kannst Du bei jedem Menschen seine eigenen, ganz privaten oder auch offiziellen kleinen und großen Rituale entdecken. Es scheint, dass es sich um eine Folge der Existenz von menschlicher Psyche und Bewusstsein handelt. Oder überhaupt wesenshafter Psyche und Bewusstsein - denn Ritualverhalten kann nicht nur bei Menschen beobachtet werden.
 
    Was passiert beim Ritual? In meinem Verständnis bilden solche Handlungen vor allem eine Art Prozess - Struktur für das Bewusstsein, den Spirit. Insofern beginnt es genau da: in Bewusstsein und Imagination. Ein erster Ansatz und ein fortlaufender Prozess, dem an sich sphärischen und gestaltlosen Geist und seinem Erleben, seinem Willen und Wahrnehmung Form, Richtung und Maß zu geben. Modern ausgedrückt könnte man Ritualistik u.a. als praktische Bewusstseinstechnologie beschreiben. Vielleicht könnte man auch eine Art Handlungs- und Ablaufprotokoll darunter verstehen. Letztlich gibt es viele Ebenen und Standpunkte, von denen aus man das Thema betrachten kann - und es kann durchaus hilfreich sein, das auch zu tun.
Eine Zeremonie hat für gewöhnlich ein Ziel und verfolgt auf dem Weg dahin verschiedene Handlungsschritte. Um Dir einen Überblick zu verschaffen bietet es sich an, ein wenig zu vereinfachen: Eine Handlung hat einen ursprünglichen Impuls, einen Anfang, einen laufenden Prozess und einen Abschluss. Dasselbe gilt für einen größeren Komplex miteinander verbundener Einzelhandlungen. Beim Seidh - Ritual kann das zum Beispiel so aussehen, dass Du Dich aus irgendeinem Grund dafür entscheidest, beispielsweise eine schamanische Reise zu machen. Wenn Du damit anfängst beginnst Du vielleicht, Türklingel und Telefon au zuschalten, eine Decke auszulegen und Deine Kraftgegenstände zu arrangieren. Das sind bereits erste Schritte, Dich vom alltäglichen Bewusstsein zu lösen (magisch ausgedrückt dieses zu bannen) und einen Übertritt in das Nichtalltägliche vorzubereiten. Wenn der Raum vorbereitet ist hast Du vielleicht das Bedürfnis, ein paar reinigende Räucherungen zu machen und eine Kerze anzuzünden. Vielleicht rasselst oder trommelst und singst Du etwas, um die Geister und Verbündeten herbei zu rufen, Dich ihrer Kräfte zu versichern und Dich einzustimmen - und schon bist Du mitten in einem Ritual. Ein Schritt folgt auf den anderen und jeder ist mit dem ganzen Prozess verwoben. Du beginnst Deine Trommel zu spielen, sitzt oder liegst vielleicht auf der Decke, machst Deine schamanische Wanderung. Wenn Du zum Ende kommst wäre es nicht ungewöhnlich, wenn Du die Schritte, die Du anfangs gemacht hast nun irgendwo auch wieder zurückgehst. Die Fenster öffnen und gründlich lüften, den Raum aufräumen und Deine Gegenstände, Telefon und Klingel wieder einschalten usw. Damit beendest Du Deine Sitzung, bannst das Nichtalltägliche und stellst gleichzeitig Deinen alltäglichen Bewusstseinszustand wieder her.
Soweit ich das sehen kann lässt sich das Grundprinzip bei jeder Art von Ritual in der ein oder anderen Art und Weise wieder erkennen. Vielleicht magst Du Dir den Spaß machen und verschiedene Rituale die Dich interessieren, vor diesem Hintergrund betrachten. Wenn Du so wie ich eine Abneigung gegen starre, unflexible oder dogmatische Ritualfahrpläne hast kann es nützlich sein, den Blick auf natürlichere Formen davon zu richten. Ich meine, dass viele Leute zum Beispiel die Angewohnheit haben, ihren Tagesablauf immer auf ähnliche Weise zu beginnen. Aufstehen, Zähne putzen, duschen, Frühstückstisch decken etc. - das ist bei genauerer Betrachtung ein ritueller Ablauf ohne aufwendige, pompöse Zeremonien, besonders heilige Anrufungen oder der Idee von Göttern, die Dich bestrafen, wenn Du irgendwelche "falschen Handlungen" während eines solchen Rituals vornehmen solltest. Solche einfachen, im Laufe der Zeit wie von selbst entstehenden Handlungskomplexe zu untersuchen kann behilflich sein, ein eigenes, natürliches Gespür für dieses wichtige Werkzeug zu entwickeln.
 
    Nebenbei bemerkt: da Rituale offensichtlich einen erheblichen Stellenwert im Leben eines Menschen haben kann es bei Problemen durchaus hilfreich sein, einen Blick auf die alltäglichen Handlungsabläufe zu werfen. Gefallen sie Dir? Wenn nicht wäre das ein guter Grund, daran etwas zu ändern oder auch gänzlich neue Abläufe bewusst zu entwerfen. Das kann zu einer effektiven Methode werden, wirkliche und echte Änderungen zu bewirken. Auch das ist bereits Zauberei, egal ob das bewusst ist oder nicht. Solche unscheinbaren Ritualstrukturen formen und gestalten das eigene tägliche Bewusstsein, die Lebensereignisse und deren Wahrnehmung  in erheblicher Weise mit. Andersherum sind Deine täglichen Minirituale (übrigens auch die, die Du bei anderen Leuten als ganz normal feststellst, die bei Dir selbst aber nicht vorhanden scheinen. Wie beginnst Du Deinen Tag? Nimmst Du Dir selbst Zeit zum Frühstücken? Wenn ja wie, auf welche Art? usw.) ein Spiegel Deines Bewusstseins, Deiner Psyche und Deiner spirituellen Konstitution. Ohne solche natürlichen und alltäglichen Ritualstrukturen können Teile Deiner Existenz unnötiger weise schnell mal "aus dem Ruder" laufen. Chaos und Wildnis brauchst Du zwar auch (man muss es auch mit Struktur und Ordnung nicht übertreiben) aber alles hat ein Maß und einige wenige klare Strukturen können durchaus behilflich sein, sich vermeidbares vom Hals zu halten und gewünschtes herbei zu beschwören.
 
    Im Schamanismus werden Rituale oft genug zu wichtigen Handlungswerkzeugen. Öffnen und schließen von Heilkreisen, das Rufen der Geister in den Himmelsrichtungen, Trommeln, Singen, Tanzen und Imaginationen sind alles Einzelhandlungen, die zu einem Ganzen verbunden werden. Lass Dich am besten von Deinen Verbündeten beraten, welche Vorgehensweisen für Dich wichtig sind. Eine einfache Gesamtvorstellung wie oben skizziert mag zunächst genügen. Manche Rituale werden wohlmöglich etwas komplizierter ausfallen, es gibt vielleicht mehr als nur einen Mittelteil und ein zeitlicher Ablauf kann sich durchaus auch mal über einige Stunden oder sogar mehrere Nächte erstrecken. Schamanische Rituale sind oft spontan und entwickeln sich in der Praxis von selbst, gestalten sich regelrecht von selbst, sind selten eins zu eins zu planen und umzusetzen. Die Geister arbeiten hier unmittelbar mit, was ein gewisses Versprechen von unvorhersehbarer Spontaneität beinhaltet. Es kann aber auch sein, dass Du tatsächlich feste Zeremonialstrukturen, beispielsweise zu besonderen, immer wiederkehrenden Anlässen, übermittelt bekommst, die Du dann auch exakt so und in immer gleicher Weise durchführen musst. Wenn du mit Klienten arbeitest kommt es vor, dass ein bestimmtes bei diesem einem Klienten durchzuführendes Heilritual von Dir verlangt wird. Ich selbst arbeite da oft mit den Naturgeistern, was durchaus auch mal eine mehrstündige Wanderung in die Wildnis in Begleitung des Klienten beinhalten kann.   

    Eine wesentliche und für Teilnehmer oft genug spürbare Auswirkung funktionierender Rituale ist „Kraft“. Ein normaler Ort, normale alltägliche Situationen etc. haben meist eine Grundkraft, die ein gewisses „alltägliches Maß“ (an Vitalkraft) nicht übersteigt. Kräftige Rituale sind in der Lage, diese Vitalkraft erheblich zu steigern. Wenn Du schamanisch gesehen die Geister rufst, rufst Du auch deren Kräfte – und die manifestieren sich unter Umständen erheblich als spürbarer Anstieg des Vitalkraftleffels. Das kann an unterschiedlichen Anzeichen bemerkt werden, sei es, dass die Atmosphäre dichter oder „mystischer“ wird, sei es dass sich die Wahrnehmung verändert, Körperreaktionen wie Schwitzen oder Zittern und Schütteln auftreten oder anderes. Das ist natürlich so gesehen ein weiterer Effekt, der durch Rituale erreicht werden soll: es ist diese Kraft und deren Ausrichtung, Bündelung und Lenkung, die eine schamanische Vision, eine Heilung oder eine Verzauberung manchmal erst wirklich wirksam macht. Manche Heilungsarbeiten brauchen übrigens extrem viel Energie, die durch einen entsprechenden Kreis zur Verfügung gestellt werden muss. Wenn Du guten Kontakt zu Ortsgeistern hast ist es gut zu wissen, dass es Naturplätze gibt, deren Vitalkraftniveau von Natur aus das normalerweise Übliche bei weitem übersteigt. Solche Plätze kannst Du nutzen, allerdings solltest Du die wirklich gut erforscht haben, Dich gut mit den Eigenarten der ortsansässigen Geister auskennen und deren Einverständnis für Deine Arbeiten einholen. Wenn das alles geklärt ist hast Du an diesen Plätzen effektive Möglichkeiten, ohne großen Aufwand auf massive Energiereserven zugreifen zu können. Ein Grundwissen in Ritualistik kann Dir dabei mehr als behilflich sein, mit solchen Vitalkraftspeichern auch sinnvoll umzugehen.
Zeremonien sind u.a. eine deutliche Domäne westlicher, traditioneller (eben Zeremonial)Magie. Wenn Du dogmenfest bist kann es Dir durchaus hilfreich sein, ein entsprechendes Grundwissen aus der verfügbaren Literatur zu erarbeiten. Wenn ich Du wäre würde ich dabei so herangehen, dass ich ERST meine Verbündeten befrage, dann versuche Gemeinsamkeiten und Unterschiede verschiedener Ritualstrukturen zu erarbeiten, ohne mich zu sehr an Einzelheiten fest zu beißen (also: eben NICHT denselben Fehler zu machen wie der ein oder andere Autor entsprechender Bücher). Lass Dich inspirieren – aber suche letzten Endes Deinen Weg, am besten mit Hilfe Deiner Verbündeten. Um praktische Erfahrungen zu sammeln kann es durchaus hilfreich sein, Kontakt zu anderen Seidhleuten zu suchen und mit denen ein bisschen mit zu arbeiten, wenn sich das ergibt. Bei guten Kontakten oder sogar Gruppen hast Du spielerisch und nebenbei die Möglichkeit, Dein eigenes Ritualempfinden und Ritualgefühl zu entdecken und weiter zu entwickeln. Viel  Spaß dabei!          

 c Frank Röpti, München: November 2010


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