
Rezension zum Aufsatz von Kurt Oertel:
"Seidhr und
Völventum
- Die Quellenlage"
| Nachfolgender Text bezieht sich auf einen Beitrag
von Kurt Oertel , der im Internet
mehrfach publiziert wurde. Auf den Aufsatz wird,
insbesondere in Asatrukreisen, gern verwiesen, wenn es um Seidhr geht.
Da ich selbst kein
großer Freund der Fest- oder Umdefinition des Seidhbegriffes
über ein gewisses Maß hinaus bin, möchte
ich
diesbezüglich hier einige Gedanken aufgreifen.
Oertels Arbeit ist - bis auf einige wenige (aber aus meiner Sicht schwerwiegende) Schnitzer - eine der besten und aussagekräftigsten, die ich zum Begriff des Seidh - neben Janny Blains und insbesondere Jan Fries´ Arbeiten - bisher finden konnte. Im Großem und Ganzen bestätigt er meine eigenen Informationen, die im Übrigen in erster Linie aus der Geisterwelt stammen: Seidh (oder Seidhr, ich verwende eine "eingedeutschte" Schreibform) ist nichts anderes als ein Oberbegriff für "Zauberei"1. Es gibt jedoch einige strittige Punkte, die meiner Vermutung nach eher auf Missverständnissen beruhen dürften. Zitat: "Es hat sich offenbar die Meinung herausgebildet, Seidh (oder richtig: Seiðr), sei eine spezielle Form magischer Praxis, die irgendwie "schamanisch" geprägt sei, (...) während Seiðr eher "aus dem Bauch" heraus funktioniere und vor allem mit Geistreisen und veränderten Bewusstseinszuständen zu tun habe. Diese Meinung (und Trennung) ist schlicht und einfach falsch." Scheinbar sieht Oertel Ähnlichkeiten oder sogar eine Gleichstellung zwischen "schamanistisch" und "seidh" grundsätzlich kritisch. Die Definition des "Seidh" - als Überbegriff für Zauberei / Magie ist ohne Frage mit hoher Wahrscheinlichkeit näher an der Realität als manche der Gedanken, die er in seiner Arbeit kritisch betrachtet. Bezogen auf das Schamanentum stellt sich jedoch die Frage, was man darunter überhaupt versteht. Eine einheitliche Übersetzung und zusammenhängende Erläuterung, was Schamanismus ist bzw. |
![]() Yggdrasil
nach einer isländischen Handschrift (17. Jh.) |
Im Weiteren betrachte ich die strikte Trennung Oertels zwischen "Wahrsagerei" und "Magie" kritisch und halte sie ehrlicher Weise für unrealistisch:
Wohl sehe ich den Seidhterminus tatsächlich - und ganz ähnlich dem Schamanentum - als den umfassenden Überbegriff für Zauberei und Magie aller Art. Dazu gehören aber traditionell auch die Techniken der Wahrsagerei (Divination). Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Alten eine strikte Grenze zwischen gewissermaßen "blinder" Manipulation und "sehender aber handlungsunfähiger" Wahrsagerei bedingten. Ich gehe eher davon aus, dass es sich um Extrempole ein und der selben Sache handelte. Noch eher dürfte die Wahrsagerei eine Technik oder Spezialisierung des Seidh gewesen sein. Je nach Art dieser Spezialisierung wurden die entsprechenden Praktiker vermutlich mit entsprechenden Bezeichnungen kenntlich gemacht. Dies erklärt, warum dann außer "Völvas" beispielsweise auch "Galsterer" als Bezeichnung neben denen für "Seidhleute" auftauchen. Galsterer in diesem Zusammenhang sind "Zaubersänger", deren Spezialgebiet von Oertel eindeutig als Seidh - Form charakterisiert wird. Ein Hinweis, dass eine Trennung dann in der Praxis doch nicht so scharf gezogen werden kann, wie es hier vermittelt werden soll, findet sich in Oertels Text selbst:
Zitat: "[...] Die Quelle, die am meisten hergibt, ist der Auftritt einer Völva namens Thorbjörg in der grönländischen Saga von Erich dem Roten (Eiríks saga rauða, Kap. 3 bzw. 4). Auf den Text wird u.a. auf dieser Seite in dem Artikel "Die Seherin Thorbjörg" von Alexander Jahnke näher eingegangen: Auch hier hat man Skepsis bei Details angemeldet und Fabulierlust des Dichters vermutet, aber dafür gibt es kaum plausible Argumente. Nichts an dem Bericht wirkt grell, übertrieben oder gar phantastisch, sondern er ist von nüchterner Genauigkeit [...]"
In besagter Thorbjörg - Saga nimmt die Seherin nämlich in einem Seidhstuhl (seið-hjallr) Platz. Warum sie das wohl tut, wenn sie nichts mit Seidh zu tun hat? Wie dem auch sei: die Quellenlage gibt hier ganz eindeutig einen Hinweis auf Assoziation zwischen Völventum - und eben Seidh.
Noch ein Hinweis findet sich mit Bezug auf die Runenkunst. Diese wird als Seidhform beschrieben. Die Runenzauberei aber beinhaltet ganz klar - und nicht erst in neuerer Zeit - sowohl Aspekte des ändernden Eingreifens, des Verzauberns, kurz: des Handelns als auch Aspekte des Wahrsagens, der Divination.
Im Übrigen kann ich mir vorstellen, dass auf Grund der Wichtigkeit und Häufigkeit des "Sehens" im Rahmen einer Ausübung der Zauberei tatsächlich im Laufe der Zeit eine vordergründige Trennung (oder Spezialisierung) entstand. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass die Überlieferungen allesamt spärlich sind und demgemäß allenfalls an der Oberfläche dieser uralten Kultur kratzen dürften. Vermutlich war sie bereits im Niedergang begriffen, als die Texte überhaupt schriftlich niedergelegt wurden. Es ist eher fraglich, ob ein komplettes und der Realität entsprechendes Bild an Hand solcher Texte rekonstruiert werden kann oder sollte, wie Oertel ganz richtig feststellt. Ich ziehe hier den praktischen Weg, vor allem die praktische Anwendung der Geisterkunst vor. Vom schamanistischen Standpunkt aus ist es nahe liegend, die Geister und Ahnen selbst zu befragen. Praktikern spiritueller Künste wie Zauberei oder Schamanismus zeigt sich ohnehin, dass eine strikte Trennung zwischen Wollen (Handeln) und Wahrnehmung (Wahrsagerei / Sehen) nicht ohne weiteres möglich ist, auch wenn Schwerpunkte gesetzt werden können. Der Weg der Zauberei wird gelegentlich als Zwillingsweg beschrieben: ein Weg der Mystik und Magie. Beide bedingen einander. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Alten sich dieses Sachverhaltes nicht bewusst waren - dafür deuten viele andere Beschreibungen viel zu deutlich an, wie tief das Verständnis für die Geheimnisse der Welt damals bereits war. Ich kann mir aber wohl vorstellen, dass zum Zeitpunkt der Niederlegung dieser heute verfügbaren Texte bereits analytisch bedingte Verzerrungen der Realität Fuß gefasst hatten.
Allerdings muss erwähnt werden, dass sich Oertels Ausführungen klar und ausschließlich auf eine "Sichtung der verfügbaren Quellen" beziehen. Vor diesem Hintergrund ist ihm zunächst - wie bereits erörtert bis auf ganz feine Details - zuzustimmen. Weiter ist ihm für eine deutliche und sachliche Klarstellung als Kontrapunkt zur um sich greifenden, neuzeitlichen Verfremdung des Seidhbegriffs zu danken. Letztlich - jenseits von Ortels Text aber auch immer wieder mit Bezugnahme - fallen mir bei Internetrecherchen im Bereich des Asatruar (germanisches Heidentum) immer wieder Aussagen auf a "ein germanisches Schamanentum gab es mit einigermaßen Sicherheit nicht"3. Zum Einen ist es natürlich völlig unmöglich, hier zu einer historisch gesicherten Aussage zu gelangen. Zum Anderen: wenn man den Begriff Schamanentum im rein sibirischem Kontext sieht ist das korrekt. Denn hier ist nun mal nicht Sibirien. Das gilt dann aber auch für sämtliche andere Regionen der Welt. Extrahiere ich aber die Grundprinzipien und Charakteristiken des Schamanentums (die wie bereits angedeutet sehr viel mehr mit reinster Zauberei und Hexerei als mit dem etwas arg verflachten Verständnis der heutigen Esoterikszene zu tun hat) - so wie es im Rahmen der Ethnologie gehandhabt wird - dann muss ganz klar gesagt werden, dass allein die Textüberlieferungen auch aus dem germanischem Bereich (ganz zu schweigen von archäologisch / historischen Funden und Ausgrabungen) mehr als ausreichend schamanistische Züge und Eigenschaften aufweisen. Diese reichen meiner Meinung nach aus, um dergleichen Aussage zu widerlegen. Einzig der Hinweis "ein per se sibirisches Schamanentum gab es nicht in Germanien" kann und muss als richtig erachtet werden.
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Vor einigen
Jahren machte ich mit einem schamanischen Freund zusammen mehrere
verblindete Operationen auf den Begriff "Seidh". "Verblindet"
heißt: der Operator weiß überhaupt gar
nichts von dem
Ziel, welches er bearbeitet, beispielsweise mittels schamanischer Reise
untersucht. Die Ergebnise waren so stichhaltig wie eindeutig: Seidh hat
sehr viel mit jeglicher Form von Zauberei gemeinsam. Außerdem
tauchten stärkste Assoziationen zu Begriffen wie Hitze, Feuer,
Bewußtsein und Geist, auch körperliches
"wüten,
zittern, tanzen, schwanken" etc. (siehe dazu auch noch mal Jan Fries:
"Seidhways") auf. All diese Phänomene tauchen
übrigens im
Rahmen des Schamanismusbegriff ebenso auf. Es ist interessant, dass mir
Oertels Arbeit erst einige Jahre später auffiel, die teilweise
zu
ganz ähnlichen Schlüßen kommt. Ich
würde nicht
soweit gehen, Ergebnisse eines schamanischen Settings als beweisend
für irgend etwas zu betrachten, doch gewisse
Synchronizitäten
sind zweifellos interessant.
2 Ich bin im Übrigen der Meinung, dass man sich ganz allgemein über den Begriff Schamanismus und das was wirklich dahinter steckt besser informieren sollte, bevor man schwerwiegende Aussagen trifft. Dazu zählen auch die Aussagen gewisser "Historiker und Religionswissenschaftler", die in diesem Beitrag folgendermaßen angesprochen werden: "Es gibt Historiker und Religionswissenschaftler – und zwar nicht die schlechtesten – die unumwunden die Vorstellung, es gäbe einen „germanischen Schamanismus“ als „Gewäsch“ bezeichnen. Was nicht nur eine Reaktion angesichts der wild wuchernden Behauptungen der „Germanen-Esoterik“, vor allem ariosophischer Spielart, ist, denn es gibt tatsächlich keine Beweise dafür, dass es Schamanismus im engeren Sinne bei germanischen Völkern gegeben hätte." - wie gesagt: dafür sollte erst mal klar werden, was "Schamanismus" überhaupt genau ist. Ein paar "Geistreisen" machen wird dem jedenfalls nicht gerecht. Im übrigen: es soll ja weltweit so einige Formen von Schamanismus geben. Der Schamanismus tibetischer, samischer, sibirischer, chinesischer, japanischer, südamerikanischer und sonstiger Arten wird jedenfalls ganz normal und wissenschaftlich anerkannt als solcher bezeichnet und untersucht. "Germanischer Schamanismus" soll jedoch "Gewäsch" sein. Wer wäscht hier eigentlich was - und warum?
3 "Aus all dem ergibt sich das Fazit, dass es einzelnen schamanische Praktiken bei heidnischen Germanen gab, und ein Weltbild, das zumindest teilweise mit dem schamanischen Weltbild, wie es etwa aus Sibirien bekannt ist. übereinstimmte. Hingegen gab es unter den Germanen mit einiger Sicherheit keine schamanischen Kulturen im engeren Sinne." - Zitiert nach einem Beitrag von M. Marheinecke unter http://www.nornirsaett.de/6- germanische-schamanen/