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Was
ist Imagination? Ich würde sagen, es handelt sich vor allem um
die Fähigkeit des Geistes
(des Bewusstseins, der Seele, des Tiefenselbstes - oder setz Deinen
persönlichen Lieblingsbegriff ein) zur
unmittelbaren, vielleicht auch "inneren"1
Wahrnehmung2.
Für gewöhnlich ist Deine
Wahrnemungsfähigkeit an körperliche Strukturen und
insbesondere das Sinnes- und Nervensysthem gekoppelt. Seidhpraxis
arbeitet sehr viel
unmittelbarer mit dem Bewusstsein und der Seele, was uns einiges
über den
Stellenwert von Vorstellungskraft für die Seidhpraxis verraten
kann. "Unmittelbarer" meint, dass Seidh nicht nur die bekannten
Sinneskanäle samt ihrer naturgegebenen Beschränkungen
benutzt sondern darüber hinaus geht. Es kann ein
interessantes Experiment sein herauszufinden, welche
Sinneskanäle Du noch benutzen kannst und welcher Art und Natur
diese sind.
Den
in der
Literatur häufiger auftauchenden Begriff "Visualisierung"
versuche
ich zu vermeiden. Obwohl das gleiche gemeint ist - eben
die Fähigkeit, etwas "vorzustellen" -
suggeriert der Begriff,
dass es dabei vor allem um optische Wahrnehmung geht. Das ist zum
Glück nicht
der Fall3.
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Trotzdem interessant ist,
dass zur Beschreibung immer wieder quasi -
optische Analogien
verwendet werden. Imagination kommt vom englischen
"image" - "Bild", "bildhafte
Einprägung"4.
Die schamanische Wahrnehmung wird
oft genug als "schamanisches Sehen" bezeichnet - und gute Lehrer
betonen häufig, dass beispielsweise auch das innere
Hören von Geräuschen in diesem
Sinne ein "schamanisches Sehen" ist. Der Begriff "schamanische
Vision" darf inzwischen als weithin bekannt vermutet werden. Die
Visions - Betonung
ist vielleicht zu verstehen wenn Du weißt, dass das Sehen
für die meisten
Menschen vordergründig (also dem Bewusstsein am
nächsten) den Hauptwahrnehmungskanal auszumachen scheint5.
Das
Gehirn denkt gerne in Bildern
-
was nichts daran ändert, dass immer auch andere
Sinneskanäle beteiligt
sind und das vorgestellte "Bild" als solches überhaupt erst
lebendig
machen. Aber irgendwie scheint doch eine starke Bindung
des Menschen an
die Sehkraft zu bestehen. So stark, dass er seine geistige Kraft oft
genug als
"Sehkraft" zu beschreiben versucht.
Obwohl
die meisten Menschen
permanent ihre Imagination benutzen ist es manchmal schwer, das bewusst
zu
erfahren. Mancher Anfänger hat diesbezüglich so
starke Blockaden,
dass sobald bewusst und aktiv etwas vorgestellt werden
soll, die
Wahrnehmung plötzlich leer, dunkel, manchmal
regelrecht schwarz erscheint.
"Bei mir funktioniert das nicht" heißt es dann schnell, ich
"sehe nichts" oder "nur schwarz". Und schnell macht
sich Enttäuschung breit. Nun, etwas
Übung, etwas
Entkrampfung und etwas Zurücknehmen der Erwartungshaltung kann
Wunder wirken. Die
meisten Leute, die ich bisher kennen gelernt habe, imaginieren - und
zwar
hervorragend 6.
Manchmal muss
man nur ein paar
Tricks anwenden, um das bewusst werden zu lassen. Versuch zum
Beispiel folgendes: stell Dir einen kleinen Waldsee
vor - und beschreib
ihn mir.
Erzähle mir über diesen See (ich muss das
nicht hören, einfach
rauserzählen): welche Formen und Farben herrschen dort vor?
Welches Wetter?
Stellst Du Dir die Gegend eher warm oder kalt vor? Und das
Wasser? Wie
wird es sich dort anhören? Was für Pflanzen
gibt es dort, was für
Baumarten? Wie riecht es? Gibt es dort Tiere oder Vogelgezwitscher?
Oder hat es
dort Fische? Frösche? Wie klingen die? Wenn eines dieser
Amphibien auf Deine Hand springt, weißt Du wie sich das
anfühlt? Angelst Du gern? Ich zwar nicht, aber ich
glaube, da
gibt es beim Auswerfen der Angel ein typisches Geräusch...wie
klingt es? Wie
sieht es aus, wenn die Angelschnur auf dem Wasser auftrifft? Du kannst
mit
solchen Szenerien beliebig
herumspielen. Lass Deiner Kreativität freien Lauf. Du musst
Dir auch keine
Sorgen machen, wenn das ganze am Anfang eher schleppend geht, die
Vorstellungen
undeutlich, nebulös oder nur blitzartig auftauchen und wieder
verschwinden. Es
geht nur darum, Dir jetzt einen ersten Zugang
zu öffnen - und
das darf Spaß machen. Es reicht im Prinzip auch erst
mal, wenn Dir klar
wird, dass Du tatsächlich irgendwas
zu
imaginieren scheinst - weil Du sonst mit der Bitte "stell Dir
einen
Waldsee vor" nichts anfangen könntest. Dabei ist es ganz
gleich ob Du
jetzt schon intensiven Zugang zu Deiner Vorstellung findest oder nicht.
Es
kann für den Anfang genügen zu
wissen, dass irgendetwas zu
passieren scheint - denn sonst könntest Du mir nichts
über Deinen Waldsee
erzählen. Wahrscheinlich bekommst Du schon eine
hintergründige
Vorstellung, wenn Du nur diesen Text liest7,
ohne Dich weiter um die
Übung zu
kümmern. Du kannst auch mit dergleichen oder einer
anderen Vorstellung
mehrmals arbeiten. Wiederhohle das Spiel ruhig auch mit
anderen Szenen. Als Anregung sei ein Tanzabend vom
letzten
Wochenende, eine anstehende Trainingsstunde, ein typischer
Büro - Arbeitstag
(es gibt Leute, denen macht auch so
etwas Spaß),
ein romantisches Essen zu zweit, ein Naturritual auf
einer
Waldlichtung oder dergleichen genannt. Such Dir aus was davon
Spaß machen
könnte und fang an, es Dir vorzustellen. Bald werden
Deine Imaginationen
lebendiger werden und Du kannst versuchen, die Feinheiten
auszuarbeiten,
vielleicht sogar in Interaktion zu gehen: Stell Dir vor wie
es für Dich
aussieht, wenn Du von einem Ende des Sees zum anderem gehst. Oder einen
Stein
aufhebst und ins Wasser wirfst. Oder
wie
Du hineinspringst, um ein bisschen zu schwimmen. Stell Dir die
Gänsehaut vor
und das Gefühl, Dich danach patschnass in
ein Badetuch zu
wickeln.
Eine häufige
Blockade scheint
folgende zu sein: wie schon erwähnt habe ich den Eindruck,
dass die meisten
Leute ständig ihre Imagination mehr oder weniger
intensiv benutzen.
"Dunkel" wird es erst, wenn es daran geht, das bewusst zu tun:
wenn die Imagination zum Ziel wird. Solange sie nebenbei
läuft ist es
völlig normal, so normal dass es kaum wem auffällt.
Was ist da los?
Ein Grund
könnte sein, dass bei
bewussten Imaginationsübungen die Vorstellungskraft auf sich
selbst fokussiert wird.
Das Ziel ist "stell Dir etwas vor" und Du fängst an,
dieses Ziel
zu bearbeiten "in dem Du Dir vorstellst, dass Du Dir etwas vorstellst".
Ein guter Weg, die Imagination vom Imaginierten zu dissoziieren - das
Ergebnis
ist "Dunkelheit", "Leere" und "bei mir funktioniert
das nicht". Ich würde bei diesem Problem empfehlen,
das Ziel
umzustellen: statt Dir vorzustellen, Du stellst Dir etwas vor ->
tust Du es
einfach. Anders gesagt: stell Dir nicht vor, dass Du Dir einen kleinen
Waldsee
vorstellst sondern stell Dir diesen See einfach vor. Probier das mal
aus -
vielleicht hilft das, ein anfangs großes Problem schnell zu
überwinden.
Wichtig ist
auch zu wissen dass es
keinen Grund für Leistungsdruck gibt. Imagination muss
kein 3D - Imax
Kino mit Dolby Surround sein. Das kann es - muss aber nich.
Statt Dich
an am Tratsch anderer Leute, etwa wie toll sie
imaginieren können, zu
orientieren kannst Du einfach Deine eigenen Erfahrungen machen
und selbst
sehen, was geht und was nicht. Einige Menschen neigen zu
Übertreibung, wenn es
um Erzählungen über das eigene
Können, magische Fähigkeiten und
dergleichen geht. Leider werden gerade Anfänger durch
so etwas auch gerne
verschreckt nach dem allseits bekanntem Motto "das schaff ich nie".
Es geht nicht darum sich mit irgendjemand zu messen und dabei
möglichst gute
Ergebnisse zu liefern!
Wenn es Dir
Spaß machen
sollte, mit
klassischen Empfehlungen zu trainieren, kannst Du auch das
ausprobieren. Es
gibt insbesondere unter magischer Literatur einige Werke, die
Übungsvorschläge
machen. Bekannt sind beispielsweise die Ansätze von Franz
Bardon8.
Allerdings
sind die in ihren Anforderungen genau so rigide (was man schon am etwas
überheblichen Titel ablesen kann) wie effektiv: Man kann
sicher
Jahre mit einer seiner Lektionen zubringen, ohne wirklich weiter zu
kommen
(oder zu dürfen, nach seinen Aussagen), wenn man sich an
Bardons „Bedingungen“
seiner Wahrheit halten sollte: Die erste Lektion darf nicht
abgeschlossen werden,
bevor zehn Minuten Gedankenleere, oder fünf
Minuten verzerrungsfreies halten einer einzelnen visuellen
Vorstellung
erreicht sind etc. Solche Übungen können sinnvoll
sein, um Willen und Geist
erheblich zu stärken. Aber sie können auch schnell
frustrieren. Wenn Du Dich
von sowas nicht verrückt machen lässt kann es
durchaus zuträglich sein, Dich
eine Zeit lang damit zu beschäftigen9.
Ich selbst bin
bei
diesen Dingen
ein
Freund von Natürlichkeit, Einfachheit und Spaß. In
der Praxis hat es sich
bewährt, mit dem Imaginationsproblem einfach und spielerisch
umzugehen und überhaupt: mehr
Wert auf Praxis und Ausprobieren statt intellektuelle Spekulationen zu
legen.
In meinen Seidh - Kursen baue ich immer wieder auch derartige
Imaginationsspiele ein,
ohne zu sehr auf Erfolge zu spekulieren. Dazu gehören einfache
angeleitete
Kurzausflüge in die Geisterwelt, Erzählen von
Geschichten (übrigens eine sehr
schamanische Praxis und "gute alte Sitte"), Aufgaben wie "untersuche
Deinen Kraftplatz und beschreibe ihn mit allen Sinnen" und
dergleichen.
Im schamanischen Kontext gibt es
außer dem Selbst noch ein
paar
Instanzen mehr, die im Bereich der Imagination mitwirken. Dazu
gehören das
Tiefenselbst, die Geister und die Geisterwelt. Es kann
nützlich sein, diese
Instanzen um Hilfe zu bitten bei solchen Übungen und das, was
da kommt, auch anzunehmen
und als solches stehen zu lassen. Auch dann, wenn es nicht der eigenen
Erwartungshaltung entspricht oder die 3D Imax - Kriterien
erfüllt.
Bei
Imaginationsübungen fällt Dir
außerdem sicher schnell auf, dass dabei der
Bewusstseinszustand eine
offensichtliche Rolle spielt. Mehr oder weniger stark wirken
sich solche
Übungen auf die Trancefähigkeiten aus. Die
Aufmerksamkeit und das
Bewusstsein werden dabei verändert, was sowohl
an der
Imaginationspraxis selbst als auch deren Inhalten liegt10.
Trance
an
sich ist im Schamanismus
ein wesentliches Thema und ein Teil der Praxis hat damit zu tun,
Trancefähigkeit und den Umgang mit Trance zu erlernen. Das
fängt bereits bei
einfachen Imaginationsübungen an aber da gibt es
natürlich noch ein paar
Möglichkeiten mehr, von denen einige andernorts besprochen
werden sollen. Wenn
Du Imaginationen machen willst kann es sinnvoll sein, das Thema Trance
(und
vielleicht kleine Rituale, die mehrere Funktionen erfüllen,
auch im
Sinne von aktiver Trance und Lenkung von
Bewusstseinszuständen, Anregung von
Imaginationen) als Unterstützung einzubauen. Kannst Du besser
im Liegen
imaginieren, mit einem Tuch über den Augen – oder
beim Einkaufen in der
Münchner Innenstadt, wenn die Kassiererin mit gelangweiltem
Blick darauf
wartet, dass Du ihr das Geld auf den Ladentisch legst? Eben.
Wenn Dir sowas klar ist, wäre der
nächste mögliche Schritt, das Wissen zu benutzen.
Auch das ist schon so etwas
wie beginnende Trance- und Ritual – Arbeit. In meinen Kursen
versuche ich oft genug,
einfache Imaginations - Übungen auch im Sinne von
Tranceübungen zu
unterstützen. Das geht mit Trommel, oder Rassel, aber auch mit
einem geeigneten
Text, samt passender Aussprache, Stimmklang und -modulation.
Ein
letzter Tip vielleicht noch: das
Bewusstsein an sich ist etwas klares, reines, durchsichtiges,
formloses.
Manchmal, wenn es mal wieder schwerer fällt, in Deine
Vorstellungskraft zu kommen,
kann es hilfreich sein, Dich ein wenig zu reinigen, also die Dinge, die
so als
Alltagsinhalte kreuz und quer durch Deinen Kopf rasen, zu beruhigen und
bei
Seite zu legen. Dafür gibt es viele Methoden und im Prinzip
ist das teilweise
auch ein Sinn magischer Bann – Praxis. Ich selbst bringe im
Zweifelsfall mein
Bewusstsein zur Ruhe, indem ich kurz aber intensiv in die Stille
eintrete.
Meditationserfahrung kann dabei durchaus hilfreich sein. Imagination
kann auch
dafür eingesetzt werden und das ist nicht schwer: stell Dir
die Stille vor. Oder die Leere. Siehe oben,
wenn Du bei Deinen ersten Imaginationsversuchen wirklich nur Stille
siehst oder
Dunkelheit, dann nutz das einfach aus: schau Dir das doch mal eine Zeit
lang
an. Es mag sein, dass nach kurzer Zeit Deine Vorstellungskraft ganz von
alleine
bei Dir anklopft, wenn Du Dich ein paar Minuten auf die
Schwärze, Stille und Einsamkeit eingelassen
hast. Manchmal zünde ich auch ein nettes kleines imaginiertes
Feuer an und
bitte den Feuergeist um Hilfe. Da landet dann alles drin, was so an
hartnäckigen Gedanken gerade durch den Kopf spukt.
Wenn´s intensiver sein darf,
kannst Du ein kleines imaginiertes Ritual machen, um einen klaren Kopf
zu
bekommen. Nenne es eine „Fünf – Elementen
– Reinigung“ oder was Dir da sonst in
den Sinn kommen mag. Lass die ungewollten Bewusstseinsinhalte sich in
Erde und
Stein erstarren, anschließend kann ein mächtiger
Sturm für Chaos sorgen,
indem alles in die Luft gehoben, verwirbelt und weggeblasen wird. Als
nächstes
kann der Feuergeist (der sich mit Luft hervorragend versteht) all die
Partikel
zu Staub und Asche verbrennen. Ein kräftiger Wasserschwall,
zur Not in Form
eines Tsunamis, wird Abkühlung bringen und alles reinwaschen.
Was übrig bleibt
ist reiner, klarer, atmosphärischer Geist –
letztlich nichts anderes als das fünfte
Element, wenn Du so willst. Mit etwas Übung geht so etwas ganz
schnell. Eine
andere schöne Freihandtechnik, die noch einfacher ist und die
ich gern verwende
hat Stephen Mace11
beschrieben und wenn Du es gern magst kannst Du auch die
klassischen magischen Bannungsrituale ausprobieren, die in der
Literatur
reichhaltig beschrieben sind. Andere
Techniken, die auch in diesem
Sinne etwas bewirken können sind die, die Du aus dem
Schamanismus kennen magst.
Rassel, Trommel, Gesang und Tanz verwende ich durchaus auch, um mein
Bewusstsein frei zu machen, zu klären und reinigen.
Das geht inzwischen ganz
schnell. Vor Jahren hatte ich mir zwei Rasseln nach Anweisung der
Geister
gebaut. Die beiden sind Geschwister, haben aber ganz unterschiedliche
Kräfte und
Qualitäten. Eine davon ist unter anderem besonders gut zum
reinigen
(übrigens auch bei Klientenarbeiten und Extraktionen) und
dissoziieren
geeignet. Was auch immer Du verwendest, Du musst es nicht zum
Selbstzweck
ausarten lassen (kannst Du aber, wenn Du magst). Worum es geht ist,
heraus zu
bekommen, was für Dich funktioniert und zu verwenden was Dir
hilft. Vielleicht
wirst Du ein bisschen experimentieren müssen – aber
das macht ja auch Spaß. Was
mitunter ein wesentlicher Sinn des Ganzen sein könnte.