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Imagination Drachentraum
    Bewusstsein und Vorstellungskraft bilden meines Empfindens nach nicht nur einen der inneren (oder "psychischen") Kerne der schamanischen Praxis. Ich tendiere inzwischen dazu, diese "Dinge" auch als Kern der Lebenserfahrung an sich zu verstehen. Seidh arbeitet unmittelbar mittels dieser Kerninstanzen - ein guter Grund, ihnen etwas Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Was Du wahrnimmst von der Welt ist letztlich immer eine geistige Repräsentation. Das meiste davon passiert im Kopf. Hier laufen ununterbrochen Deine Informationskanäle zusammen, Wahrnehmungen werden ausgewertet, gefiltert und zu einem (mehr oder weniger) lebendigen Ganzen zusammengesetzt. Die meiste Arbeit dieser Art läuft unbewusst ab und obliegt dem Tiefenwesen. Die Biochemie und Neurophysiologie des Gehirns bilden dabei wichtige physische Medien. Die Strukturen des Nervensystems sind in meiner Lesart wesentliche "Schnittstellen" zwischen Seele, Bewusstsein und physischer Welt.  Der Imaginationsfähigkeit kommt im Schamanismus größere Bedeutung zu. Sie ist nicht nur das Mittel des Bewusstseins, Visionen und dergleichen wahrnehmen zu können, sondern bietet darüber hinaus die Möglichkeit, aktiv Einfluss zu nehmen. Sie besteht aus passiven und eben aktiven Komponenten - anders ausgedrückt: Wahrnehmung und Wille. Ich empfinde die Vorstellungskraft als einen direkten Ausdruck der Seele und ihrer Kräfte. Es ist nicht verwunderlich, dass viele grundlegende Übungen der traditionellen westlichen Magie ebenso wie des praktischen Schamanismus mit dem Herantasten an solche Fähigkeiten beginnen. Auch verschiedene psychotherapeutische Techniken arbeiten teilweise intensiv mit dieser Art von Kräften: das Autogene Training, Katathymes Bildererleben, imaginative Traumatherapie und dergleichen.
 
"Seidhmann"
Was ist Imagination? Ich würde sagen, es handelt sich vor allem um die Fähigkeit des Geistes (des Bewusstseins, der Seele, des Tiefenselbstes - oder setz Deinen persönlichen Lieblingsbegriff ein) zur unmittelbaren, vielleicht auch "inneren"1 Wahrnehmung2.  Für gewöhnlich ist Deine Wahrnemungsfähigkeit an körperliche Strukturen und insbesondere das Sinnes- und Nervensysthem gekoppelt. Seidhpraxis arbeitet sehr viel unmittelbarer mit dem Bewusstsein und der Seele, was uns einiges über den Stellenwert von Vorstellungskraft für die Seidhpraxis verraten kann. "Unmittelbarer" meint, dass Seidh nicht nur die bekannten Sinneskanäle samt ihrer naturgegebenen Beschränkungen benutzt sondern darüber hinaus geht. Es kann ein interessantes Experiment sein herauszufinden, welche Sinneskanäle Du noch benutzen kannst und welcher Art und Natur diese sind. 

    Den in der Literatur häufiger auftauchenden Begriff "Visualisierung" versuche ich zu vermeiden. Obwohl das gleiche gemeint ist - eben die Fähigkeit, etwas "vorzustellen" - suggeriert der Begriff, dass es dabei vor allem um optische Wahrnehmung geht. Das ist zum Glück nicht der Fall3

Trotzdem interessant ist, dass zur Beschreibung immer wieder quasi - optische Analogien verwendet werden. Imagination kommt vom englischen "image" - "Bild", "bildhafte Einprägung"4. Die schamanische Wahrnehmung wird oft genug als "schamanisches Sehen" bezeichnet - und gute Lehrer betonen häufig, dass beispielsweise auch das innere Hören von Geräuschen in diesem Sinne ein "schamanisches Sehen" ist. Der Begriff "schamanische Vision" darf inzwischen als weithin bekannt vermutet werden. Die Visions - Betonung ist vielleicht zu verstehen wenn Du weißt, dass das Sehen für die meisten Menschen vordergründig (also dem Bewusstsein am nächsten) den Hauptwahrnehmungskanal auszumachen scheint5. Das Gehirn denkt gerne in Bildern - was nichts daran ändert, dass immer auch andere Sinneskanäle beteiligt sind und das vorgestellte "Bild" als solches überhaupt erst lebendig machen. Aber irgendwie scheint doch eine starke Bindung des Menschen an die Sehkraft zu bestehen. So stark, dass er seine geistige Kraft oft genug als "Sehkraft" zu beschreiben versucht.    

    Obwohl die meisten Menschen permanent ihre Imagination benutzen ist es manchmal schwer, das bewusst zu erfahren. Mancher Anfänger hat diesbezüglich so starke Blockaden, dass sobald bewusst und aktiv etwas vorgestellt werden soll, die Wahrnehmung plötzlich leer, dunkel, manchmal regelrecht schwarz erscheint. "Bei mir funktioniert das nicht" heißt es dann schnell, ich "sehe nichts" oder "nur schwarz". Und schnell macht sich Enttäuschung breit. Nun, etwas Übung, etwas Entkrampfung und etwas Zurücknehmen der Erwartungshaltung kann Wunder wirken. Die meisten Leute, die ich bisher kennen gelernt habe, imaginieren - und zwar hervorragend 6.

Manchmal muss man nur ein paar Tricks anwenden, um das bewusst werden zu lassen. Versuch zum Beispiel folgendes: stell Dir einen kleinen Waldsee vor - und beschreib ihn mir. Erzähle mir über diesen See (ich muss das nicht hören, einfach rauserzählen): welche Formen und Farben herrschen dort vor? Welches Wetter? Stellst Du Dir die Gegend eher warm oder kalt vor? Und das Wasser? Wie wird es sich dort anhören? Was für Pflanzen gibt es dort, was für Baumarten? Wie riecht es? Gibt es dort Tiere oder Vogelgezwitscher? Oder hat es dort Fische? Frösche? Wie klingen die? Wenn eines dieser Amphibien auf Deine Hand springt, weißt Du wie sich das anfühlt? Angelst Du gern? Ich zwar nicht, aber ich glaube, da gibt es beim Auswerfen der Angel ein typisches Geräusch...wie klingt es? Wie sieht es aus, wenn die Angelschnur auf dem Wasser auftrifft? Du kannst mit solchen Szenerien beliebig herumspielen. Lass Deiner Kreativität freien Lauf. Du musst Dir auch keine Sorgen machen, wenn das ganze am Anfang eher schleppend geht, die Vorstellungen undeutlich, nebulös oder nur blitzartig auftauchen und wieder verschwinden. Es geht nur darum, Dir jetzt einen ersten Zugang zu öffnen - und das darf Spaß machen. Es reicht im Prinzip auch erst mal, wenn Dir klar wird, dass Du tatsächlich irgendwas zu imaginieren scheinst - weil Du sonst mit der Bitte "stell Dir einen Waldsee vor" nichts anfangen könntest. Dabei ist es ganz gleich ob Du jetzt schon intensiven Zugang zu Deiner Vorstellung findest oder nicht. Es kann für den Anfang genügen zu wissen, dass irgendetwas zu passieren scheint - denn sonst könntest Du mir nichts über Deinen Waldsee erzählen. Wahrscheinlich bekommst Du schon eine hintergründige Vorstellung, wenn Du nur diesen Text liest7, ohne Dich weiter um die Übung zu kümmern. Du kannst auch mit dergleichen oder einer anderen Vorstellung mehrmals arbeiten. Wiederhohle das Spiel ruhig auch mit anderen Szenen. Als Anregung sei ein Tanzabend vom letzten Wochenende, eine anstehende Trainingsstunde, ein typischer Büro - Arbeitstag (es gibt Leute, denen macht auch so etwas Spaß), ein romantisches Essen zu zweit, ein Naturritual auf einer Waldlichtung oder dergleichen genannt. Such Dir aus was davon Spaß machen könnte und fang an, es Dir vorzustellen. Bald werden Deine Imaginationen lebendiger werden und Du kannst versuchen, die Feinheiten auszuarbeiten, vielleicht sogar in Interaktion zu gehen: Stell Dir vor wie es für Dich aussieht, wenn Du von einem Ende des Sees zum anderem gehst. Oder einen Stein aufhebst und ins Wasser wirfst. Oder wie Du hineinspringst, um ein bisschen zu schwimmen. Stell Dir die Gänsehaut vor und das Gefühl, Dich danach patschnass in ein Badetuch zu wickeln.   

    Eine häufige Blockade scheint folgende zu sein: wie schon erwähnt habe ich den Eindruck, dass die meisten Leute ständig ihre Imagination mehr oder weniger intensiv benutzen. "Dunkel" wird es erst, wenn es daran geht, das bewusst zu tun: wenn die Imagination zum Ziel wird. Solange sie nebenbei läuft ist es völlig normal, so normal dass es kaum wem auffällt. Was ist da los?
Ein Grund könnte sein, dass bei bewussten Imaginationsübungen die Vorstellungskraft auf sich selbst fokussiert wird. Das Ziel ist "stell Dir etwas vor" und Du fängst an, dieses Ziel zu bearbeiten "in dem Du Dir vorstellst, dass Du Dir etwas vorstellst". Ein guter Weg, die Imagination vom Imaginierten zu dissoziieren - das Ergebnis ist "Dunkelheit", "Leere" und "bei mir funktioniert das nicht". Ich würde bei diesem Problem empfehlen, das Ziel umzustellen: statt Dir vorzustellen, Du stellst Dir etwas vor -> tust Du es einfach. Anders gesagt: stell Dir nicht vor, dass Du Dir einen kleinen Waldsee vorstellst sondern stell Dir diesen See einfach vor. Probier das mal aus - vielleicht hilft das, ein anfangs großes Problem schnell zu überwinden.

    Wichtig ist auch zu wissen dass es keinen Grund für Leistungsdruck gibt. Imagination muss kein 3D - Imax Kino mit Dolby Surround sein. Das kann es - muss aber nich. Statt Dich an am Tratsch anderer Leute, etwa wie toll sie imaginieren können, zu orientieren kannst Du einfach Deine eigenen Erfahrungen machen und selbst sehen, was geht und was nicht. Einige Menschen neigen zu Übertreibung, wenn es um Erzählungen über das eigene Können, magische Fähigkeiten und dergleichen geht. Leider werden gerade Anfänger durch so etwas auch gerne verschreckt nach dem allseits bekanntem Motto "das schaff ich nie". Es geht nicht darum sich mit irgendjemand zu messen und dabei möglichst gute Ergebnisse zu liefern!

    Wenn es Dir Spaß machen sollte, mit klassischen Empfehlungen zu trainieren, kannst Du auch das ausprobieren. Es gibt insbesondere unter magischer Literatur einige Werke, die Übungsvorschläge machen. Bekannt sind beispielsweise die Ansätze von Franz Bardon8. Allerdings sind die in ihren Anforderungen genau so rigide (was man schon am etwas überheblichen Titel ablesen kann) wie effektiv: Man kann sicher Jahre mit einer seiner Lektionen zubringen, ohne wirklich weiter zu kommen (oder zu dürfen, nach seinen Aussagen), wenn man sich an Bardons  „Bedingungen“ seiner Wahrheit halten sollte: Die erste Lektion darf nicht abgeschlossen werden, bevor zehn Minuten Gedankenleere, oder fünf Minuten verzerrungsfreies halten einer einzelnen visuellen Vorstellung erreicht sind etc. Solche Übungen können sinnvoll sein, um Willen und Geist erheblich zu stärken. Aber sie können auch schnell frustrieren. Wenn Du Dich von sowas nicht verrückt machen lässt kann es durchaus zuträglich sein, Dich eine Zeit lang damit zu beschäftigen9.

    Ich selbst bin bei diesen Dingen ein Freund von Natürlichkeit, Einfachheit und Spaß. In der Praxis hat es sich bewährt, mit dem Imaginationsproblem einfach und spielerisch umzugehen und überhaupt: mehr Wert auf Praxis und Ausprobieren statt intellektuelle Spekulationen zu legen. In meinen Seidh - Kursen baue ich immer wieder auch derartige Imaginationsspiele ein, ohne zu sehr auf Erfolge zu spekulieren. Dazu gehören einfache angeleitete Kurzausflüge in die Geisterwelt, Erzählen von Geschichten (übrigens eine sehr schamanische Praxis und "gute alte Sitte"), Aufgaben wie "untersuche Deinen Kraftplatz und beschreibe ihn mit allen Sinnen" und dergleichen.

    Im schamanischen Kontext gibt es außer dem Selbst noch ein paar Instanzen mehr, die im Bereich der Imagination mitwirken. Dazu gehören das Tiefenselbst, die Geister und die Geisterwelt. Es kann nützlich sein, diese Instanzen um Hilfe zu bitten bei solchen Übungen und das, was da kommt, auch anzunehmen und als solches stehen zu lassen. Auch dann, wenn es nicht der eigenen Erwartungshaltung entspricht oder die 3D Imax - Kriterien erfüllt. 

    Bei Imaginationsübungen fällt Dir außerdem sicher schnell auf, dass dabei der Bewusstseinszustand eine offensichtliche Rolle spielt. Mehr oder weniger stark wirken sich solche Übungen auf die Trancefähigkeiten aus. Die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein werden dabei verändert, was sowohl an der Imaginationspraxis selbst als auch deren Inhalten liegt10. Trance an sich ist im Schamanismus ein wesentliches Thema und ein Teil der Praxis hat damit zu tun, Trancefähigkeit und den Umgang mit Trance zu erlernen. Das fängt bereits bei einfachen Imaginationsübungen an aber da gibt es natürlich noch ein paar Möglichkeiten mehr, von denen einige andernorts besprochen werden sollen. Wenn Du Imaginationen machen willst kann es sinnvoll sein, das Thema Trance (und vielleicht kleine Rituale, die mehrere Funktionen erfüllen, auch im Sinne von aktiver Trance und Lenkung von Bewusstseinszuständen, Anregung von Imaginationen) als Unterstützung einzubauen. Kannst Du besser im Liegen imaginieren, mit einem Tuch über den Augen – oder beim Einkaufen in der Münchner Innenstadt, wenn die Kassiererin mit gelangweiltem Blick darauf wartet, dass Du ihr das Geld auf den Ladentisch legst?  Eben. Wenn Dir sowas klar ist, wäre der nächste mögliche Schritt, das Wissen zu benutzen. Auch das ist schon so etwas wie beginnende Trance- und Ritual – Arbeit. In meinen Kursen versuche ich oft genug, einfache Imaginations - Übungen auch im Sinne von Tranceübungen zu unterstützen. Das geht mit Trommel, oder Rassel, aber auch mit einem geeigneten Text, samt passender Aussprache, Stimmklang und -modulation.

    Ein letzter Tip vielleicht noch: das Bewusstsein an sich ist etwas klares, reines, durchsichtiges, formloses. Manchmal, wenn es mal wieder schwerer fällt, in Deine Vorstellungskraft zu kommen, kann es hilfreich sein, Dich ein wenig zu reinigen, also die Dinge, die so als Alltagsinhalte kreuz und quer durch Deinen Kopf rasen, zu beruhigen und bei Seite zu legen. Dafür gibt es viele Methoden und im Prinzip ist das teilweise auch ein Sinn magischer Bann – Praxis. Ich selbst bringe im Zweifelsfall mein Bewusstsein zur Ruhe, indem ich kurz aber intensiv in die Stille eintrete. Meditationserfahrung kann dabei durchaus hilfreich sein. Imagination kann auch dafür eingesetzt werden und das ist nicht schwer: stell Dir die Stille vor. Oder die Leere. Siehe oben, wenn Du bei Deinen ersten Imaginationsversuchen wirklich nur Stille siehst oder Dunkelheit, dann nutz das einfach aus: schau Dir das doch mal eine Zeit lang an. Es mag sein, dass nach kurzer Zeit Deine Vorstellungskraft ganz von alleine bei Dir anklopft, wenn Du Dich ein paar Minuten auf die Schwärze, Stille und Einsamkeit eingelassen hast. Manchmal zünde ich auch ein nettes kleines imaginiertes Feuer an und bitte den Feuergeist um Hilfe. Da landet dann alles drin, was so an hartnäckigen Gedanken gerade durch den Kopf spukt. Wenn´s intensiver sein darf, kannst Du ein kleines imaginiertes Ritual machen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Nenne es eine „Fünf – Elementen – Reinigung“ oder was Dir da sonst in den Sinn kommen mag. Lass die ungewollten Bewusstseinsinhalte sich in Erde und Stein erstarren, anschließend kann ein mächtiger Sturm für Chaos sorgen, indem alles in die Luft gehoben, verwirbelt und weggeblasen wird. Als nächstes kann der Feuergeist (der sich mit Luft hervorragend versteht) all die Partikel zu Staub und Asche verbrennen. Ein kräftiger Wasserschwall, zur Not in Form eines Tsunamis, wird Abkühlung bringen und alles reinwaschen. Was übrig bleibt ist reiner, klarer, atmosphärischer Geist – letztlich nichts anderes als das fünfte Element, wenn Du so willst. Mit etwas Übung geht so etwas ganz schnell. Eine andere schöne Freihandtechnik, die noch einfacher ist und die ich gern verwende hat Stephen Mace11 beschrieben und wenn Du es gern magst kannst Du auch die klassischen magischen Bannungsrituale ausprobieren, die in der Literatur reichhaltig beschrieben sind. Andere Techniken, die auch in diesem Sinne etwas bewirken können sind die, die Du aus dem Schamanismus kennen magst. Rassel, Trommel, Gesang und Tanz verwende ich durchaus auch, um mein Bewusstsein frei zu machen, zu klären und reinigen. Das geht inzwischen ganz schnell. Vor Jahren hatte ich mir zwei Rasseln nach Anweisung der Geister gebaut. Die beiden sind Geschwister, haben aber ganz unterschiedliche Kräfte und Qualitäten. Eine davon ist unter anderem besonders gut zum reinigen (übrigens auch bei Klientenarbeiten und Extraktionen) und dissoziieren geeignet. Was auch immer Du verwendest, Du musst es nicht zum Selbstzweck ausarten lassen (kannst Du aber, wenn Du magst). Worum es geht ist, heraus zu bekommen, was für Dich funktioniert und zu verwenden was Dir hilft. Vielleicht wirst Du ein bisschen experimentieren müssen – aber das macht ja auch Spaß. Was mitunter ein wesentlicher Sinn des Ganzen sein könnte.  
 

1 Innen steht in Anführungszeichen, weil auf diesen Ebenen Innen und Außen schnell relativ werden. Im Prinzip ist diese Wertung nur aus Sicht der alltäglichen Wirklichkeit möglich: in dieser Realität erscheint uns die Imagination primär als "inneres Erleben". Ich will mir jedoch nicht anmaßen so zu tun, als ob ich wüsste, was letztlich Wirklichkeit ist. Dazu gehört, ob es ein absolutes oder objektives "Innen/Außen" in den Reichen der Seele überhaupt noch geben kann.

2 "Wahrnehmung" ist im Ausdruck vielleicht etwas einfach gegriffen. In machen Werken modernerer westlicher Magie lassen sich einige Hinweise finden, die das Bewusstsein zeitgleich als ein Zentrum der Wahrnehmung und ein Zentrum des Willens beschreiben. Beide sind eins (siehe z.B. Caroll, Pete: "Liber Null"), erscheinen dem denkenden Verstand aber als etwas Unterschiedliches. Ich empfinde das durchaus in ähnlicher Form. Anders gesagt ist Imagination also auch ein Werkzeug des (spirituellen) Wollens: so gesehen manifestieren Wille und Wahrnehmung ihre zwillingshafte Natur in der Aktivität des Bewusstseins.

3 Also das wär dann ja fast schon langweilig.

4 Beachte dazu aber auch den Begriff "Image" als "inneres Gesamt- oder Stimmungsbild, Gesamteindruck". Es fällt (mir zumindest) auf, dass an einem solchem Image eine ganze Menge mehr als nur der visuelle Sinneskanal beteiligt sind. Neben den anderen bekannten Sinnen z.B. auch Affektivität / Emotionen, wozu wiederum eine ganze Menge Unterkategorien gehören: zum Beispiel Hormone, das Nervensysthem und seine Transmitter, psychologische Faktoren. Was andeutet, dass der Begriff "Imagination", mit dem wir uns hier beschäftigen, ein sehr komplexes Thema berührt.

5 Und es kann durchaus interessant und lohnend sein, nicht ausschließlich anthropozentrisch zu denken. Wie nehmen andere Wesen (Tiere, Pflanzen, körperlose Geister) wahr? Es kann übrigens lohend sein, wenn Du versuchst, Dir vorzustellen, wie andere Wesen wahrnehmen mögen. Es ist auch eine gute Idee, wenn Du Deine Geister und Verbündeten dafür um Hilfe bittest.

6 Und das tun sie ständig, fast ununterbrochen um genau zu sein. Da gehören Tag- und Nachtträume dazu aber auch andere, sehr viel weniger auffällige Aktionen. Immer, wenn Du Deine Zukunft planst - Termine im Kalender einträgst zum Beispiel -, wenn Du Dich an Deine Kindheit erinnerst, den Kinofilm von letzter Woche oder die Bergwanderung mit Deinem Partner vor einem halben Jahr, immer, wenn Du ein zukünftiges Ereignis anvisierst, planst oder Dich einfach nur darauf freust benutzt Du Deine Imagination. Ganz normal, natürlich und einfach - und kaum wem fällt das auf bis zu dem Punkt, wo danach gefragt wird. Manchmal auch dann nicht.

7 Apropos: Liest Du gerne? Vermutlich schon, wenn Du tatsächlich dabei bist, Dir den Artikel hier zu Gemüte zu führen. Versuch Deine Imagination zu trainieren, während Du liest. Das bietet sich an weil es ohnehin passiert. Mitunter das ist es, was am Lesen überhaupt Spaß macht. Ich lese sehr gern. Gelegentlich mach ich mir dabei einen kleinen rituellen Raum auf. Eine Kerze, ein gemütlicher Lesesessel und angenehmes Ambiente hilft, die Außenwelt und das Tagesgeschäft zu dissoziieren und gleichzeitig mit der imaginierten Welt zu verbinden (auch das ist bereits ein kleines Ritual nebenbei und das was dabei passiert ist zeitweilig auch das, was ein solches Ritual bewirken soll). Ich gehe bewusst in das imaginative Erleben beispielsweise eines Romans. Das macht Spaß und trainiert nebenbei die Vorstellungskraft. Übrigens lernt man dabei auch effektiver. Gute Imagination kann auch die langweiligsten Texte, etwa medizinische Symptomauflistungen, regelrecht lebendig werden lasssen. Solche Informationen sind dann auch viel besser wieder abrufbar (vom Verstehen bzw. Begreifen ganz zu schweigen).

8 Bardon, Franz "Der Weg zum wahren Adepten"

9 Dazu doch ein, zwei Gedanken bei der Gelegenheit: kein Lehrer der Welt kann Dir sagen, ab wann Du bereit bist, weiter zu gehen. Auch Angaben wie "zehn Minuten mußt Du das können" können kein allgemeingültiges Kriterium sein, wann der Schüler so weit ist. Bardon hat hier meiner Einschätzung nach seine eigenen Kriterien angesetzt - das ist sein gutes Recht. Du tust aber gut daran, Deine eigenen Regeln und Gesetze heraus zu finden. Wenn Du mit dem Systhem arbeiten willst aber von den Anforderungen verschreckt bist würde ich empfehlen, seine deutlichen Anweisungen als das zu nehmen, was sie eigentlich sein sollten: Hinweise, dass weder Gedankenstille noch sonstige Meditationen in zwei Minuten erlernt und beherrscht sind. Du tust gut daran, Dir für so manches ausreichend Zeit zu nehmen - das ist aber auch schon alles.

10 Beschwörst Du ein Höllenszenario herauf wird dies sicher eine andere Art von Bewusstsein erzeugen, als beispielsweise obiger Vorschlag eines idyllischen Wald - Weihers. Wenn Du aufmerksam bist lässt sich daraus spielerisch und nebenbei so einiges lernen. Trancen und Imaginationen wirken unter Umständen ins Leben und den alltäglichen Bewusstseinszustand hinein. Ganz gleich, ob Du selbst Dich als Magier, freifliegende Hexe, Schamanenpriester in zehnter Generation oder ganz normaler Mensch (auch so etwas soll es geben ;) ) bezeichnest: es könnte möglich sein, hier was sinnvolles für Dich und Deine Umwelt zu tun, wenn Du bei der Auswahl dessen, was Du Dir vorstellst, umsichtig vorgehst. Was auch immer das sein wird: ich wünsch Dir viel Spaß und Erfolg dabei.

11 Mace, S. „Dem Himmel das Feuer stehlen“


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